Sollte Europa wieder auf Kernkraft setzen?

Die EU will bei der Stromversorgung wieder stärker auf Atomkraft zurückgreifen. Das erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Dienstag bei einem Kernenergie-Gipfel nahe Paris vor Vertretern aus etwa 40 Staaten. Die Abkehr der vergangenen Jahre bezeichnete sie als "strategischen Fehler". Debattiert wurde beim Treffen auch die Entwicklung sogenannter Small Modular Reactors (SMR). Europas Presse ist gespalten.

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Info.cz (CZ) /

Bemerkenswerte Kehrtwende von der Leyens

Info.cz staunt über die 180-Grad-Wende der EU-Kommissionschefin:

„Ursula von der Leyen war von 2005 bis 2019 die dienstälteste Ministerin in der Regierung von Angela Merkel – die nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima beschloss, den deutschen Ausstieg aus der Kernenergie zu beschleunigen. Von der Leyen war an allen diesen Entscheidungen beteiligt. ... Das Land von Ursula von der Leyen gilt als leuchtendes Beispiel für den Atomausstieg. Nun stellt sich die Frage, wie schnell dieser strategische Wandel in konkrete europäische Politik umgesetzt wird und wie die Kernenergiebranche wiederbelebt werden kann. Wie sagte sie: 'Wir müssen hier und jetzt damit beginnen.' Welche konkreten Maßnahmen wird sie diesen Worten folgen lassen?“

wPolityce.pl (PL) /

Osteuropa ist längst auf dem Weg

Mit oder ohne Brüssel hat ein Teil der EU diesen Kurs bereits eingeschlagen, betont wPolityce.pl:

„Die letzten Jahre zeigen, dass EU-Staaten ohne Brüsseler Strategie an SMR-Projekten arbeiten, darunter auch Polen. Mehrere interessierte Länder haben bereits 2024 eine Art Industrieallianz zur Entwicklung dieser Technologie gegründet. Darüber hinaus entwickeln die Länder in unserem Teil Europas Investitionspläne oder bereiten den Bau großer traditioneller Reaktoren vor. So plant beispielsweise Tschechien, seine Atomenergieproduktion zu verdoppeln und baut zusammen mit Südkorea neue Reaktoren in Temelin, während Bulgarien zwei Blöcke im AKW Kosloduj baut. In Pommern laufen die Vorbereitungen für das erste große Kernkraftprojekt in Polen.“

Der Standard (AT) /

Atomenergie mit vielen Fragezeichen verbunden

Der Standard kann dem Vorstoß von der Leyens wenig abgewinnen:

„Wie anfällig die Kernkraft ist, zeigt nicht nur der Krieg in der Ukraine, wo Europas größtes AKW Saporischschja mehrfach beschossen wurde und seit Jahren im Notbetrieb läuft. Auch Frankreich und die Schweiz mussten im vergangenen Hitzesommer ihre Reaktoren herunterfahren, weil es wegen der zu warmen Flüsse zu wenig Kühlwasser gab. Der fortschreitende Klimawandel wird dieses Problem weiter verschärfen. Und was ist mit von der Leyens Hoffnung auf die 'kleinen modularen Reaktoren', die sicherer und günstiger sein sollen? Die gibt es noch gar nicht. ... Bevor die EU die Kernkraft als neue Lösung propagiert, sollte sie zunächst ein altes Problem lösen. Wo der radioaktive Müll endgelagert werden soll, ist selbst nach Jahrzehnten ungeklärt.“

tagesschau.de (DE) /

Bitte kein neues Investitionsgrab

Aufn Mini-AKWs zu hoffen, ergibt für tagesschau.de keinen Sinn:

„Die Mini-Atomreaktoren sind nämlich nicht nur klein und teuer, sie existieren bisher nur auf dem Reißbrett. In der westlichen Welt jedenfalls ist noch kein Mini-Atomreaktor im kommerziellen Betrieb, in den USA sind private Investoren reihenweise abgesprungen. Kein einziger Zulieferer weltweit kann im Moment eine Bauzeit zusagen und zu vereinbarten Kosten anbieten – darauf wies kürzlich der Chef von Deutschlands größtem Stromerzeuger RWE, Markus Krebber, hin. Sein Fazit: Null Bereitschaft, ein solches Investitionsrisiko zu übernehmen. Wenn die ganz Großen der Energiewirtschaft in den Mini-Atomreaktoren ein Investitionsgrab sehen, sollte die EU nicht noch öffentliches Geld hinterherwerfen.“

La Libre Belgique (BE) /

Gemeinsam Wind, Sonne und Atomstrom nutzen

Mehr Integration fordert La Libre Belgique:

„Die Energiesouveränität Europas wird nicht nur in den Kraftwerken entschieden, sie hängt von einem viel umfassenderen Projekt ab: von der Elektrifizierung der Wirtschaft und der Integration der Netze auf kontinentaler Ebene. … Ohne einen massiven Wandel im Verkehrs-, Heizungs- und Industriesektor ist keine dauerhafte Unabhängigkeit möglich. Es geht nicht darum, sich zwischen Atomkraft und erneuerbaren Energien zu entscheiden, sondern darum, ein System aufzubauen, das beides miteinander verbindet. Der Wind der Nordsee, die Sonne des Mittelmeers und, ja, auch die Atomkraft müssen ein wirklich integriertes europäisches Netz versorgen können.“

De Standaard (BE) /

Mit Kernkraft pragmatisch umgehen

Die Rehabilitierung von Atomkraft hält De Standaard für einen klugen Schritt:

„Kernenergie polarisiert viel stärker als andere Energietechnologien. Und das ist schade. Kernenergie hat Vor- und Nachteile. Das Gleiche gilt für andere Erzeugungsmethoden wie Windkraftanlagen, Solarparks und Gaskraftwerke. Beim Erstellen einer Energiestrategie geht es darum, rationale Überlegungen zum richtigen Energiemix anzustellen. Die Frage sollte nicht lauten, ob Europa neue Kernkraftwerke braucht oder nicht, sondern unter welchen Umständen es sinnvoll sein könnte, in europäische Kernenergie zu investieren.“

Rzeczpospolita (PL) /

So wurde Brüssel zum Befürworter

Wie die EU-Kommission ihre Sicht auf die Kernenergie schrittweise geändert hat, beschreibt Rzeczpospolita:

„Die Europäische Kommission vollzieht seit einigen Jahren einen Wandel in ihrer Haltung zur Kernenergie. Der Durchbruch gelang 2022, als sie entschied, dass Gas sowie Kernenergie als nachhaltige Energiequellen angesehen werden können. ... Von der zunächst zögerlichen Akzeptanz der Kernenergie in den Dekarbonisierungsstrategien hat sich die Europäische Kommission inzwischen zu einer begeisterten Befürworterin dieser Technologie gewandelt.“