Philosoph Jürgen Habermas tot: Was wird fehlen?

Der weltbedeutende deutsche Philosoph Jürgen Habermas ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Habermas setzte nicht nur theoretisch auf respektvolle Kommunikation, sondern mischte sich gerne in öffentliche Debatten ein. Beim Historikerstreit bestand er vehement auf der Singularität des Holocaust. Sein Verfassungspatriotismus ist das moderne Konzept, Zugehörigkeit über Bekenntnis und nicht Ethnie und kulturellen Mythos zu bestimmen.

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Naftemporiki (GR) /

Gute Argumente als Herzstück der Demokratie

Habermas hat den demokratischen Dialog verteidigt, betont Naftemporiki:

„In einer Zeit, in der die öffentliche Debatte immer mehr einem Schlachtfeld gleicht, hielt Jürgen Habermas an einer fast schon altmodischen, aber zutiefst radikalen Idee fest: dass Demokratie nur funktionieren kann, wenn die Bürger miteinander mit Argumenten und nicht mit Schreien sprechen. Mit seinem Tod schließt sich eines der wichtigsten Kapitel des europäischen Nachkriegsdenkens. … Für ihn war die Öffentlichkeit das Herzstück der Demokratie. Dort, wo Argumente mehr zählen als Macht und wo die Legitimation politischer Entscheidungen aus Dialog hervorgeht. In einem Europa, das versuchte, die Wunden des Nazismus und des Krieges zu heilen, hatte diese Idee besonderes Gewicht.“

Neue Zürcher Zeitung (CH) /

Ein öffentlicher Intellektueller par excellence

Habermas' globaler Ruhm beruht auf seiner Bereitschaft zur Einmischung, betont die Neue Zürcher Zeitung:

„Die Kritik von Habermas an neoliberalen Tendenzen der Wirtschaftspolitik, seine Analysen der stagnierenden Europapolitik bis in die jüngste Zeit, seine Rechts-, Moral- und Demokratietheorie ... waren ein fester Bestandteil disziplinübergreifender Kontroversen innerhalb der 'scientific community' – und sie werden verpflichtend bleiben als Beitrag eines Philosophen, der seine Aufgabe nicht nur als eine akademische, sondern als eine öffentliche, politische verstanden hat. ... Von Heine schrieb Habermas einmal, er sei ein 'intervenierender, in den Kampf der Zeit verwickelter Autor' gewesen. Das liesse sich von ihm selber genauso sagen.“

Visão (PT) /

Anerkennung statt lärmendes Niedermachen

Das Werk von Habermas ist wie ein Leuchtturm, schreibt der Dichter José Paulo Santos in Visão:

„Habermas hat uns keine einfachen Antworten gegeben. Er hat uns tiefgründige Fragen gestellt. Er hat uns gelehrt, dass die Legitimität von Normen aus dem freien Diskurs entsteht, dass sich die Wahrheit nicht aufzwingen lässt, sondern im fragilen und mutigen Raum des Dialogs entsteht. In einer Zeit, in der Instrumentalisierung das Zuhören erstickt, bleibt sein Werk ein Leuchtturm: Es erinnert uns daran, dass Vernunft nicht nur Kalkül ist, sondern auch gegenseitige Anerkennung. Denjenigen, die schreiben, denken und für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen, bleibt die Herausforderung, sein Erbe zu würdigen: den Mut zu haben, die Öffentlichkeit gegen den Lärm zu verteidigen, der sie kolonisieren will.“

eldiario.es (ES) /

Geleitet von der Kraft der Vernunft

Wir alle sollten uns ein Beispiel an Habermas nehmen, schreibt der Philosophieprofessor José Luis Martí in eldiario.es:

„Er war der letzte große Philosoph des 20. Jahrhunderts, das intellektuelle Leuchtfeuer Deutschlands und Europas, die stabilste Brücke zwischen philosophischen Traditionen, der Vater der besten zeitgenössischen Ideen zur Demokratie. … Laut Google Scholar wurden seine Werke über eine halbe Million Mal zitiert. … Wie also verteidigen wir uns gegen die extreme Rechte, gegen den antidemokratischen Populismus, gegen die Macht globaler Konzerne oder gegen Trumps Barbareien? … Habermas gibt uns die Antwort: Wir müssen es gemeinsam tun, auf der Straße, in den sozialen Medien und in Kneipen, und wir müssen es – ganz im Gegensatz zu Trump – geleitet von der Kraft der Vernunft tun.“

Dmitri Loboiko (RU) /

Russland wird sein Werk irgendwann nutzen

Der Politologe Dmitri Loboiko sieht Russland auf Facebook noch auf dem Weg, die richtigen Lehren zu ziehen:

„Habermas hat immer insistiert: Eine stabile kollektive Identität ist nur möglich durch die kritische Aufarbeitung schwerer Vergangenheit, und nicht durch Relativierung. Seine persönliche Erfahrung war, mit 15 Jahren zu begreifen, dass er in einem 'verbrecherischen System' lebte. Deutschland hat diese Lehre gezogen, wenn auch qualvoll und nicht konsequent. Russland stand vor derselben historischen Weggabelung und schlug einen wesentlich schwierigeren Weg ein. ... Dort wurde er gelesen, geschätzt, verstanden – und möglicherweise wird man ihn noch nutzen. Irgendwann später. Die Geschichte entfaltet sich langsam – daran erinnerte er selbst gern.“