Ukraine attackiert russische Ostseehäfen
Ukrainische Drohnen haben in den vergangenen Tagen mehrfach Anlagen der russischen Ostsee-Häfen Primorsk und Ust-Luga getroffen und in Brand gesetzt. Mehrere Drohnen sind unterdessen auf finnischem Territorium abgestürzt. Finnlands Premier Petteri Orpo vermutete, dass Russlands Fähigkeiten "zur elektronischen Störung" zum Abdriften ukrainischer Drohnen führe und bezeichnete das als "ernste Angelegenheit".
Kriegsfinanzierung im Visier
Warum die Ukraine gerade jetzt versucht, die russischen Ölanlagen zu treffen, erklärt Meduza:
„Die Ukraine bemüht sich, den russischen Ölexport zu untergraben, der durch die vom Konflikt der USA und Israels mit dem Iran ausgelöste Energiekrise (sowohl für Russland selbst als auch für andere Länder) besonders große Bedeutung erlangt hat. Russland wird als Nutznießer dieser Situation bezeichnet, und die Ukraine versucht zu verhindern, dass das Land durch die gestiegenen Ölpreise übermäßige Gewinne erzielen kann. Zu diesem Zweck greifen ukrainische Streitkräfte nicht nur russische Häfen an, sondern auch Ölraffinerien – allein im letzten Monat wurden Raffinerien in den Regionen Leningrad, Krasnodar und in Baschkortostan angegriffen.“
Den Schwachpunkt des Gegners getroffen
Õhtuleht betont:
„Diese Angriffe sind strategisch wichtiger als die Rückeroberung von Dörfern. Russlands Kriegswirtschaft hängt vom Ölexport ab. Die Ukraine zielt nun genau auf diese wirtschaftliche Lebensader. Während ein klassischer Krieg darauf abzielt, die gegnerische Armee zu vernichten, nimmt dieser Ansatz der Ukraine die Fähigkeit des Gegners zur Kriegsführung ins Visier. Dies ist ein klassischer indirekter Ansatz, bei dem der Sieg durch Angriffe auf die Schwachstellen des gegnerischen Systems errungen wird.“
Wehrlos gegen ukrainische Drohnen?
Delfi schaut auf die Reaktionen russischer Blogger:
„In Russland reagierte man auf die Angriffe etwa folgendermaßen: 'Wo bleibt denn unsere einzigartige Luftabwehr?' Laut dem Militärblogger Zaponkov wirken sich diese Drohnenangriffe negativ auf die Kampfmoral der russischen Soldaten aus: Wenn der Staat nicht in der Lage ist, seine wichtigsten Häfen zu schützen, was kann er dann überhaupt? ... Die wichtigste Folge der Angriffe ist jedoch wirtschaftlicher Natur: Da der Ölpreis derzeit hoch ist, wäre es für Russland ein günstiger Moment, die Situation auszunutzen, um zusätzliches Geld für die Kriegsführung zu verdienen. Stattdessen muss man nun darüber nachdenken, was man mit dem Öl tun soll.“
Ausgerechnet jetzt ist kein Verlass auf die USA
Aftonbladet ist besorgt:
„Die Lage in der Welt wird immer bedrohlicher. In den letzten Wochen hat sich Russlands Krieg gegen die Ukraine auf die Ostsee ausgeweitet. Die Ukraine hat einen erfolgreichen Angriff auf die russische Flotte im Finnischen Meerbusen durchgeführt, und Drohnen sind sowohl im Baltikum als auch in Finnland abgestürzt. Bald könnten auch hier ausländische Drohnen abstürzen. Die Ostsee ist ein gemeinsamer Raum. Es wäre schön, schreiben zu können, dass in den transatlantischen Beziehungen alles in Ordnung ist.“
Finnland muss sich vorbereiten
Da sich der Vorfall jederzeit wiederholen kann, sollte man zügig Antworten auf unangenehme Fragen finden, mahnt Lapin Kansa:
„Diesmal stürzten die Drohnen ab, ohne Schaden anzurichten. Aber was wäre geschehen, wenn das Risiko bestanden hätte, dass sie auf ein Wohngebiet stürzen? Vertreter der Streitkräfte versicherten am Sonntag, dass Finnland in der Lage sei, auf Drohnen zu reagieren und sie bei Bedarf zu stoppen, auch wenn sich kein Land der Welt mit hundertprozentiger Sicherheit schützen kann. Es bleiben offene Fragen: Wie die Streitkräfte in einer solchen Situation gehandelt hätten und ob sie in der Lage gewesen wären, Schäden zu verhindern. Hätte man die Bevölkerung vor den Drohnen warnen müssen und auf welche Weise? Braucht Finnland Warnsysteme für drohende Drohnenangriffe?“
Ein voller Erfolg für Kyjiw
Für Russland sind die ukrainischen Drohnenangriffe demütigend, meint Ilta-Sanomat:
„Aus Sicht der Ukraine waren ihre Angriffe auf den Oblast Leningrad ein großer Erfolg. Russland war nicht in der Lage, alle ukrainischen Drohnen abzuwehren, selbst zu einem Zeitpunkt, als Koivisto [Primorsk] und Laukaansuu [Ust-Luga] bereits unter Beschuss standen und mit weiteren Drohnen zu rechnen war. Aus russischer Sicht waren die Angriffe eine riesige Demütigung. Dies verstärkt Putins Rachegelüste und seine Risikobereitschaft.“
Die Ostsee braucht mehr Schutz
Jyllands-Posten schreibt:
„Es ist nicht das erste Mal, dass wir an die Rolle der Ostsee in diesem Krieg erinnert werden – und daran, wie plötzlich die Region in den Konflikt hineingezogen werden kann. Die Sprengung von drei Strängen der deutsch-russischen Nord-Stream-Gaspipeline im September 2022 ist nach wie vor eines der großen Rätsel dieses Krieges. ... Die nächste Frontlinie in der Verteidigung gegen Putins militaristisches Vorhaben liegt im Ostseeraum, und hier gibt es in der kommenden Zeit viel zu tun. Es geht nicht zuletzt darum, uns gegen russische Hybridangriffe und Anschläge auf unsere Infrastruktur zu wappnen. Gleichzeitig ist eine verstärkte Zusammenarbeit mit unseren Partnern erforderlich, um eine entschlossenere Politik gegenüber der [russischen] Schattenflotte zu verfolgen.“
Verantwortlich ist der Kreml
Für fehlgeleitete ukrainische Drohnen trägt Russland die Schuld, so Iltalehti:
„Die Zahl der zivilen Opfer ist bislang glücklicherweise gering geblieben, doch fehlgeleitete Raketen und Drohnen haben unter anderem in Rumänien erhebliche Sachschäden hinterlassen. ... Finnland und andere Partner der Ukraine müssen in dieser Situation realistisch bleiben: Ein hundertprozentiger Schutz gegen Drohnen ist nicht möglich. Aber auch wenn Drohnenangriffe eine Sicherheitsbedrohung darstellen, gilt es das große Ganze im Blick zu behalten: Solange Russland seinen brutalen Angriffskrieg fortsetzt und die Ukraine zu Gegenschlägen zwingt, liegt die Schuld für die Drohnen, die auch Finnland erreichen, ausschließlich beim Kreml.“