Putschgerüchte: Wächst der Druck auf Putin?
Kurz vor der abgespeckten Militärparade in Moskau scheint sich die Lage für Machthaber Wladimir Putin zu verschlechtern. Geheimdienstinformationen zufolge soll er sich aus Angst vor Attentaten oder Putschversuchen überwiegend in Bunkern aufhalten. Und selbst kremlnahe Meinungsforschungsinstitute erkennen abnehmenden Rückhalt. Kommentatoren erkennen wachsenden Druck und überlegen, wozu er führen könnte.
Ein Albtraumszenario
Der Standard sieht den Kreml-Chef in einer Extremsituation:
„Allzu gut dürfte Wladimir Putin derzeit nicht schlafen. Am Montag explodierte eine ukrainische Drohne mitten in der Nacht gerade einmal sieben Kilometer vom Kreml entfernt. Russlands Truppen treten auf der Stelle, mehr als das eine oder andere Kriegsverbrechen ist nicht drin. Die Luftabwehr – zunehmend überfordert. Und dann erweist sich auch noch Donald Trump als zu erratisch, um Putin in der Ukraine wirklich zu helfen. Da kann man schon Albträume bekommen. Vor allem, wenn in wenigen Tagen die berühmteste Militärparade der Welt ansteht. Eine ukrainische Drohne, die in Putins Propagandashow zum Weltkriegsgedenken kracht – aus Kremlsicht ein Super-GAU.“
In Bunkern abgetaucht
La Repubblica zitiert Geheimdienstquellen, laut denen der Kremlchef einen Putsch befürchtet:
„Er übernachtet nicht mehr in den Präsidentenresidenzen in Moskau und am Waldai-See, sondern verbringt die meiste Zeit in unterirdischen Bunkern. Köchen, Leibwächtern und Fahrern ist die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und das Mitführen von Mobiltelefonen untersagt. Gleichzeitig sind die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. ... Wladimir Putin habe Angst. ... Angst vor einem Mordanschlag – womöglich durch eine ukrainische Drohne. Angst, durch einen Putsch gestürzt zu werden. Deshalb tritt er immer seltener in der Öffentlichkeit auf. ... Laut einem von CNN zitierten US-Geheimdienstbericht befürchtet der Kreml seit März 'ein Komplott und einen Putsch'.“
Schoigu-Komplott ist unrealistisch
The Spectator glaubt nicht, dass an den Gerüchten über einen Putschversuch etwas dran ist:
„Sergej Schoigu als einen der Hauptputschisten darzustellen, ist besonders lächerlich. Ob zu Recht oder nicht, er hat innerhalb des Militärs die Hauptlast der Kritik für die missglückte Anfangsphase der Invasion sowie die darauffolgenden Führungs-, Strategie- und Versorgungsfehler getragen. ... Die Offiziere, mit denen er in Verbindung stand, darunter auch der von ihm ernannte Generalstabschef Waleri Gerassimow, haben sich deutlich von ihm distanziert. Es ist kaum vorstellbar, dass er innerhalb des Oberkommandos über die Autorität und Glaubwürdigkeit verfügt, um einen Putschversuch anstoßen zu können.“
Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst
Polityka beobachtet:
„Die Angriffe der Ukrainer auf Teile der kritischen Infrastruktur Russlands zeigen zunehmend Wirkung – Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht gar davon, dass Russland durch die Zerstörung von Raffinerien und Pipelines Gewinne in Höhe von sieben Milliarden Dollar entgangen seien. Langsam, aber stetig schlägt sich dies in der Stimmung der russischen Bevölkerung nieder, wo die Unzufriedenheit wegen der Sperrung des allgemeinen Internetzugangs, der immer stärkeren Repressionen und der Sorge vor einer möglichen totalen Mobilmachung wächst.“
Für Unmut gibt es keine Kanäle mehr
Im repressiven System kann sich der Protest nicht formieren, meint Politologe Sergej Medwedew auf Facebook:
„Die Russen haben den Krieg zum ersten Mal echt wahrgenommen – und zwar nicht, weil Drohnen umherfliegen, Raffinerien brennen und sich die Gräber auf den Friedhöfen vermehren, sondern weil ihnen das Internet abgeschaltet wurde. ... Doch ihnen fehlen die politischen, gesellschaftlichen und medialen Instrumente, um diese Unzufriedenheit in etwas Größeres münden zu lassen. Genau diese Instrumente hat Putin in den letzten 25 Jahren mit stillschweigender Zustimmung der Bevölkerung zerstört. Der politische Raum in Russland ist ausgebrannt und gesäubert, die Repressionsmechanismen sind gut eingespielt, und der Protest hat keine Sammelpunkte.“
Provoziert Putin einen Angriff Selenskyjs?
Politologe Wladimir Pastuchow zeigt sich in einem von Echo übernommenen Telegram-Post beunruhigt:
„Intuitiv entsteht bei mir der Eindruck, dass Putin Selenskyj dazu provoziert, während der Parade den Roten Platz anzugreifen. ... Moskau braucht einen solchen Angriff als Legitimation für irgendeine völlig unverschämte Schweinerei. ... Denn der Krieg ist real in eine Sackgasse geraten, über Europa brauen sich dunkle Wolken zusammen und Trump dürften bald die Hände gebunden sein: Im Herbst [Midterms] könnte er zur lahmen Ente werden. Es gibt immer weniger Möglichkeiten, die Entscheidung hinauszuzögern: Entweder muss der Krieg total werden oder enden. Ich kann von mir nicht behaupten, dass ich innerlich ruhig wäre.“