Frankreich: Ist das Social-Media-Verbot sinnvoll?
Als erstes EU-Land führt Frankreich ein Social-Media-Verbot für Unter-15-Jährige ein. Auf Wunsch von Präsident Macron sollen die Regeln bereits nach den Sommerferien in Kraft treten. In den Kommentarspalten gibt es viel Kritik an diesem Schritt.
Wahre Sicherheit statt Herumdoktern
Statt Altersbeschränkungen braucht es grundsätzliche Änderungen an den Plattformen, fordert die ehemalige Führungskraft bei Meta und Whistleblowerin Kelly Stonelake in Sydsvenskan:
„Social-Media-Plattformen würden für junge Menschen sicherer werden, wenn sie von ihren auf endloses Scrollen und Interaktionsoptimierung ausgerichteten Standardeinstellungen sowie ständigen Push-Benachrichtigungen befreit würden. Eine Altersbeschränkung ändert nichts an der Plattform selbst. Die schädlichen Elemente bleiben bestehen, die Auswirkungen treten bestenfalls erst später ein. Sicherheit durch Design ist eine Veränderung der Plattform selbst, die verhindert, dass Kinder und Jugendliche einem nachweislich schädlichen Produkt ausgesetzt werden.“
Ohne flankierende Aufklärung sinnlos
Das Verbot könnte sich als unzureichende Maßnahme herausstellen, warnt der Entwicklungspsychologe Grégoire Borst in Libération:
„Wenn ein Verbot nicht einhergeht mit Bildungsangeboten für die Betroffenen und ihre Eltern, schiebt es die schwierigen Erfahrungen nur auf, die Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren in den sozialen Medien machen. … Wie für das Social-Media-Verbot zeigen Studien über die Auswirkungen des Handyverbots an Oberschulen in Großbritannien keinerlei positive Effekte auf das Wohlbefinden der Schüler, ihre schulischen Leistungen, die in sozialen Netzwerken verbrachte Zeit sowie ihre Schlafqualität und -dauer.“
Immerhin ein erster Schritt
Kinder zu schützen, wird einfacher, lobt indes Corriere della Sera:
„So wird es zum Beispiel möglich, dem Druck standzuhalten, dem alle Eltern früher oder später ausgesetzt sind, wenn sie den Satz hören, der jede Diskussion beendet: 'Alle haben doch soziale Medien.' Heute kann man antworten: Sie sind verboten. So wie Rauchen verboten ist, so wie Alkohol bis zu einem bestimmten Alter verboten ist. Rauchen manche trotzdem? Trinken manche trotzdem? Ja. Und manche werden soziale Medien auch mit 13 Jahren trotzdem nutzen. … Aber es bleibt ein verbotenes Verhalten, gesellschaftlich missbilligt. Die Eltern sind mit ihrem Widerstand nicht mehr allein.“
Einschränkung der Medienfreiheit in vollem Gange
Dass in Frankreich digitale Medien im Fokus des Staates stehen, besorgt The Spectator:
„Was wird Macron als Nächstes in seinem Kampf gegen das tun, was er als 'Fake News' bezeichnet? Seit seiner Wahl zum Präsidenten im Jahr 2017 setzt er sich für eine strengere Regulierung des Internets ein. 2018 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Richtern die Befugnis einräumte, während des Wahlkampfs gegen 'falsche Informationen' vorzugehen und diese zu entfernen. ... Macron schlug außerdem vor, Medienunternehmen entsprechend ihrer Vertrauenswürdigkeit zu kennzeichnen. ... Wenn der Präsident verkündet, dass 'wir weitermachen werden', dann meint er das auch so. Das Verbot für unter 15-Jährige dürfte kaum die letzte Einschränkung im Bereich der digitalen Medien in Frankreich sein.“