Impfstoffmangel: Sind Exportstopps die Lösung?

Weil Corona-Impfstoff in der EU nach wie vor Mangelware ist, hat Ursula von der Leyen mit Exportstopps gedroht. Nach Angaben Brüssels wurden seit Februar mindestens 41 Millionen Dosen aus der EU exportiert, allein zehn Millionen nach Großbritannien. Der britisch-schwedische Hersteller Astrazeneca wiederum habe im ersten Quartal nur 30 Prozent der vereinbarten Menge in die EU geliefert. Europas Presse diskutiert Sinn und Nutzen von Exportstopps.

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Dagens Nyheter (SE) /

Hochansteckend

Niemand wird am Ende von Exportstopps profitieren, warnt Dagens Nyheter:

„Die EU gründet auf Freihandel, nicht nur innerhalb der Union, sondern auch mit anderen. Exportstopps unterschiedlicher Art verbreiten sich leicht zwischen Ländern und Kontinenten. … Jedoch ist die Impfstoffproduktion, wie so vieles andere auch, von internationalen Lieferketten abhängig. Die Inhaltsstoffe werden hier und dort geholt und woanders zusammengesetzt. … Das Risiko für Repressalien und unerwünschte Nebenwirkungen ist daher hoch. Das gilt sicher auch für Großbritannien, dessen strikte Haltung seine Wurzeln in der Innenpolitik hat. Exportstopps können zu weniger Impfstoff führen – für alle. Und werden sicherlich kein einziges Coronavirus beeindrucken.“

Neue Zürcher Zeitung (CH) /

Kapazitäten erhöhen statt zanken

Statt Streit anzuzetteln, sollten Staaten sich auf Lösungswege konzentrieren, meint die Neue Zürcher Zeitung:

„Die EU-Länder sollten ihre Finger von Exportkontrollen lassen. Sie sind der falsche Weg, um die Versäumnisse bei den Vorbestellungen im vergangenen Jahr, bei der Zulassung der Impfstoffe und bei der Impfkampagne wettzumachen. ... Dünnhäutig reagiert man in Brüssel auf den Vorwurf des Impfnationalismus. Und tatsächlich exportiert derzeit die EU Millionen von Impfdosen in die Welt, während die EU-Länder den Impfmangel verwalten und Grossbritannien sich bei den Pharmafirmen die prioritäre Belieferung aus britischen Produktionsstätten ausbedungen hat. ... Ohnehin wäre die ganze Energie besser investiert, wenn die Staaten in dieser globalen Herausforderung sich mehr überlegen würden, wie die Produktionskapazitäten erhöht werden könnten.“

The Irish Independent (IE) /

Brüssel muss sich endlich wehren

Großbritannien und die USA messen mit zweierlei Maß, wettert The Irish Independent:

„Diese Länder besitzen die Frechheit, die EU über die Gefahren von Impfstoff-Nationalismus zu belehren, obwohl ihr gesamter Impfplan auf dem Horten von Vakzinen beruht, bis die eigene Bevölkerung durchgeimpft ist. Erst dann wird etwas abgegeben. Es ist Zeit, dass die EU sich aufrafft. Niemand wird einen Preis als 'großzügigster Impfstoffexporteur' erhalten, wenn all das hier vorbei ist. Die Verzögerungen im Impfprogramm müssen behoben werden. Jetzt. Wenn das Drohungen oder eine Begrenzung von Exporten in Länder bedeutet, die uns mit ihrem Impfprogramm Lichtjahre voraus sind, dann ist das eben so.“

The Daily Telegraph (GB) /

Helden sein wie 1945

Großbritannien sollte seine Nachbarn auf der anderen Kanalseite unterstützen, fordert The Daily Telegraph:

„Unser Land ist in der Lage, supernett sein zu können. ... Es gibt ein moralisches Argument dafür, der EU zu helfen. Großbritannien kann Millionen ältere Menschen auf dem Kontinent retten und somit Tausende Todesfälle verhindern, indem es einen Teil seiner eigenen Impfstoffe anbietet. Es gibt auch ein wirtschaftliches Argument dafür: Selbst wenn wir hier alle gut geschützt sind - und das liegt nicht in weiter Ferne -, werden wir erst zur Normalität zurückkehren, wenn auch unsere Nachbarn nicht mehr im Lockdown sind. Wir könnten Europa von diesem Fluch befreien. Wenn es uns gelinge, wäre es das Beste, was wir für Europa seit 1945 getan haben.“