Wie steht Russlands Bevölkerung zum Ukraine-Krieg?

Laut Umfragen unterstützen in Russland etwa drei Viertel der Bevölkerung Putins aktuelle Politik. Strittig ist allerdings die Frage, ob angesichts von Propaganda, Zensur und Strafen für Proteste und abweichende Meinungen überhaupt noch verlässliche Demoskopie möglich ist. Russische und polnische Pressestimmen zeichnen ein differenzierteres Bild.

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The New Times (RU) /

Zwischen jungen und alten Ja-Sagern

Jewgenia Albaz, Chefredakteurin der The New Times, hat in der russischen Provinz die Stimmung zum Krieg sondiert. Dabei sind ihr große Generationenunterschiede aufgefallen:

„Menschen vor oder im Rentenalter wurden unter der Sowjetherrschaft sozialisiert, als jeder Widerstand heikel war und eine Einflussnahme auf Entscheidungen und Handlungen der Staatsmacht unmöglich. ... Die Generation der 30- bis 40-Jährigen ist in völlig anderen Verhältnissen aufgewachsen: Individualisten hatten Erfolg, es gab Wahlen, Protestdemos und die Überzeugung, dass man Rechte hat. All dies hat eine völlig andere Einstellung zum Staat hervorgerufen. ... Die 20-Jährigen, die keinen anderen Chef als Putin und weder Angst vor der Rückkehr der Sowjetverhältnisse noch die Erfahrung von Freiheit kennen, haben nichts als Komplexe, die sie mit der Vorstellung von der Zugehörigkeit zu einem Elite-Volk kompensieren.“

wPolityce.pl (PL) /

Weniger Begeisterung, als es scheint

Historiker und Russland-Experte Marek Budzisz meint in wPolityce, Risse in der russischen Kriegsbefürwortung zu erkennen:

„Das Bild ist nicht so eindeutig, wie es die offiziellen Umfragen vermuten lassen, worauf andere Befragungen und die Ereignisse in Russland seit Beginn des Kriegs hindeuten. Ich denke dabei insbesondere an die Tatsache, dass in den letzten zwei Monaten bereits in sechs russischen Städten Molotowcocktails auf die Gebäude von Musterungsbehörden geworfen wurden, was nicht gerade auf eine euphorische, kriegsbegeisterte Stimmung schließen lässt.“