Sind die USA nach 250 Jahren noch ein Vorbild?

Am 4. Juli 2026 haben die USA das 250. Jubiläum der Erklärung ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien gefeiert. "Wir werden immer die Besten sein", sagte Präsident Donald Trump am Samstag in seiner Rede in Washington. Kommentatoren in Europa finden Worte der Kritik, aber auch der Bewunderung.

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Novinky.cz (CZ) /

Trump feiert vor allem sich selbst

Novinky.cz urteilt:

„Viele vernünftige Beobachter der internationalen Beziehungen sind sich einig, dass die USA zum Zeitpunkt ihres 250. Geburtstags nicht gerade in bester Verfassung sind. Die Regierung und der Kongress wurden von einer Gruppe Karrieristen übernommen, die eher einem Personenkult als einer politischen Partei gleichen. Das Weiße Haus wird von einem Präsidenten geführt, der mehrmals täglich so dreist lügt, dass sich alle daran gewöhnt haben. ... Darüber hinaus hat Trump die Nato gelähmt, die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt geschwächt, und sein autoritärer Regierungsstil wird zunehmend gerichtlich blockiert, selbst von konservativen Richtern. Trumps pompöse Feierlichkeiten zur Unabhängigkeitserklärung drehten sich typischerweise mehr um ihn und seinen Größenwahn als um die Supermacht, die er führt.“

Expressen (SE) /

Amerika ist mehr als sein Präsident

Expressen blickt optimistisch in die Zukunft:

„Amerika ist mehr als Donald Trump und sein schrumpfender Fanclub in den sozialen Medien. Protektionismus und die Abneigung, sich 'in die inneren Angelegenheiten Europas einzumischen', gab es in den USA schon immer in Wellen. Dass Europa sich wirtschaftlich und militärisch unabhängiger macht, ist richtig. Aber europäische Politiker sollten die bestehenden Bande bewahren, nicht zuletzt zu wohlgesinnten Kollegen auf der anderen Seite des Atlantiks. Die USA, gegründet auf einer Kombination aus liberalen Freiheitsidealen und protestantischem Individualismus und Arbeitsethik, genießen nach wie vor Bewunderung. Es wird eine Zeit nach Trump geben.“

The Sunday Times (GB) /

Nach wie vor eine Inspiration

Die USA bleiben besonders in Sachen Innovationskraft ein Vorbild, so The Sunday Times:

„Das Land, das die repräsentative Demokratie entscheidend geprägt hat, hat auch Technologie, Finanzwesen, Medizin und die digitale Wirtschaft revolutioniert. Die Vereinigten Staaten haben finanzielle Innovationen und unternehmerisches Risiko stets begrüßt. … Die Gewaltenteilung der US-Verfassung bleibt weitgehend intakt. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien sind nach wie vor durch ein gemeinsames Erbe verbunden, das einzelne politische Führungsfiguren überdauern wird. Der Geburtstag Amerikas ist der lebende Beweis dafür, dass eine Mischung aus Freiheit, Unternehmergeist und Demokratie noch immer zu den kraftvollsten politischen Leitideen der Welt gehört. Großbritannien kann noch immer davon lernen.“

Der Standard (AT) /

Happy Birthday – trotz allem

Der Standard hofft leise:

„[D]ie USA haben sich in ihrer Geschichte auch [durch] ihre Selbstreinigungskraft ausgezeichnet. Ohne Umsturz oder Krieg wurde in den 1930er-Jahren vom New Deal der Kapitalismus gezähmt und gerettet, in den 1950er-Jahren die antikommunistischen Hexenjagden der McCarthy-Ära beendet, in den 1960er-Jahren das Apartheidsystem in den Südstaaten eliminiert und in den 1970er-Jahren ein autoritärer Präsident infolge der Watergate-Affäre zum Rücktritt gezwungen. ... Auch viele der Fußballfans, die in den vergangenen Wochen in den USA zu Besuch waren, haben die beeindruckenden und liebenswerten Seiten dieses Landes gesehen und gespürt, dass es ein Amerika abseits von Trump und MAGA gibt. Eines, das ein lautes 'Happy Birthday' verdient.“

Mladina (SI) /

Eine Großmacht vor dem Fall

Die lange Blütezeit der USA ist für Mladina vorbei:

„Im Jahr 2026 erinnert die amerikanische Verfassungsrepublik zunehmend an ein System, in dem der Präsident nahezu monarchische Macht besitzt und der Staat von einem Bündnis aus politischen und wirtschaftlichen Eliten beherrscht wird. Ihre Ordnung ähnelt immer mehr dem staatsnahen Kapitalismus Russlands und Chinas. Die USA sind der unbestrittene politisch-ökonomische Gewinner des 'langen 20. Jahrhunderts'. Doch die wirtschaftlichen Kosten dieser weltweiten Vormachtstellung werden zunehmend untragbar. Der schwindende politische Legitimationsanspruch der Vereinigten Staaten gilt als nahezu unvermeidliches Vorzeichen für den Niedergang der Pax Americana.“

The Insider (RU) /

Modell der Nachkriegszeit ist am Ende

The Insider sieht, wie die Welt auf das globale Chaos zusteuert:

„Selbst wenn im Amt des US-Präsidenten jemand sitzen sollte, der aus Sicht der klassischen Diplomatie 'vernünftiger' ist, wäre eine Rückkehr zum Modell der vergangenen 80 Jahre unmöglich. Die Welt steuert auf einen Zustand zu, der sich wie globales Chaos anfühlt, und die derzeitige US-Regierung beschleunigt diesen Prozess nur noch. ... Noch vor Kurzem gingen wir davon aus, dass ein Land, das sich an die Regeln hält, eine mehr oder weniger vorhersehbare Zukunft hat. Verstößt es dagegen – folgt eine vorhersehbare Gegenreaktion. … Doch nun beginnen die 'Architekten' der Regeln selbst, direkte Gewalt anzuwenden.“

Göteborgs-Posten (SE) /

Nicht mehr jeden Schrott nachahmen

Schweden sollte sich nach neuen Vorbildern umschauen, empfiehlt Göteborgs-Posten:

„In den vergangenen Jahrzehnten hat Schweden wohl nahezu jeden amerikanischen Kulturtrend übernommen, sei es Populismus, Aktivismus oder Populärkultur. Vielleicht sollten wir uns stattdessen etwas mehr von unseren europäischen Nachbarn inspirieren lassen: beispielsweise von der deutschen Hochkultur, der niederländischen Konsumkultur oder der französischen Konversationskultur. Phänomene, die in der ältesten Demokratie der Welt auf der anderen Seite des Atlantiks inzwischen durch Handelszölle, Polarisierung und eine zunehmend vulgäre Öffentlichkeit ersetzt wurden.“

The Economist (GB) /

Ein Blick auf die Geschichte tröstet

Eine Rückbesinnung auf die Gründungsideale empfiehlt The Economist:

„Das große liberale Experiment des Landes steht unter Druck. Politiker zeigen heute nur noch wenig Respekt vor den Idealen der Aufklärung, die den Gründervätern am Herzen lagen. Die Amerikaner selbst sind tief gespalten und sich weder einig, woran das Land krankt, noch wie sich die Probleme lösen lassen. Die Geschichte bietet allerdings einen gewissen Trost. Das amerikanische Experiment ist schon früher ins Stocken geraten – und hat sich wieder erholt. Seine Geschichte ist geprägt von Rückschlägen ebenso wie von Erneuerung. Seitdem die Verfasser der Verfassung in ihrem ersten Satz das Ziel formulierten, 'eine perfektere Union zu bilden', ringt das Land mit seinen Unzulänglichkeiten.“