Waldbrände: Welche Schritte braucht Europa?

In Frankreich und Spanien wüten weiter gefährliche Waldbrände, rund 300.000 Menschen mussten evakuiert werden. Die Feuer rücken immer näher an die französische Großstadt Bordeaux und in Spanien an Valencia heran. In der Umgebung von Madrid hat sich laut Regionalregierung die Lage leicht entspannt. Kommentatoren diskutieren nötige Maßnahmen, die über ad-hoc-Reaktionen hinausgehen.

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The Guardian (GB) /

Handeln ist Pflicht

Die Waldbrände zeigen, dass der Klimaschutz alternativlos ist, argumentiert The Guardian:

„Forderungen nach einer Abschwächung der Klimaschutzmaßnahmen gehen meist mit der Behauptung einher, Europa müsse in Zeiten geopolitischer Unsicherheit und aggressiven Wirtschaftswettbewerbs einen pragmatischeren Ansatz verfolgen. Dieses Argument ist gleich doppelt falsch: Je schneller die EU Klimaneutralität anstrebt, desto besser wird sie ihre Position auf den globalen Märkten der Zukunft festigen. Noch grundlegender ist, was die verheerenden Auswirkungen der diesjährigen Waldbrände eindrücklich verdeutlichen: Die Vorstellung, Klimaschutzmaßnahmen seien eine Art optionales Extra, das nur in guten Zeiten angebracht sei, steht der sich entwickelnden Realität diametral entgegen.“

Libération (FR) /

Vorbeugen statt hinterher löschen

Unsere Landschaften müssen widerstandsfähiger gestaltet werden, drängt Libération:

„Wir müssen den Schutz der Waldgebiete dringend neu überdenken, denn sie machen mehr als ein Drittel unseres Staatsgebiets aus. Brandschneisen müssen als Mittel der Prävention und nicht erst der Gefahrenabwehr verstanden werden. Und auch die Weidewirtschaft und der Gemüseanbau müssen neu überdacht werden, ebenso wie die Einrichtung von Grüngürteln rund um die Wohngebiete, um diese zu schützen. Wir müssen auf diejenigen hören, die sich auskennen, sowie auf diejenigen, die an diesen Orten leben, und tiefgreifende Überlegungen zu unseren Landschaften anstellen. ... Nur so können wir die nächste Katastrophe in ein oder zwei Jahren verhindern und zugleich vermeiden, dass Verzweiflung in unkontrollierbare Wut umschlägt.“

L'Opinion (FR) /

Schluss mit der Vorsichtsmentalität

Frankreich sollte seinen Bürgern wieder mehr zutrauen, fordert L'Opinion:

„Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Die Vorsichtsmentalität hat ausgedient. … Es geht für die Regierung natürlich nicht darum, diejenigen im Stich zu lassen, die vor dem Feuer fliehen. Vielmehr geht es darum, die Bürger, die allzu oft als unreife und unvernünftige Wesen behandelt werden, zu einem zusätzlichen Hebel in den immer zahlreicher werdenden Kämpfen zu machen. Der Zivilschutz erfordert eine stärkere Eigenverantwortung der Bürger. … Anstatt die Kontroversen weiter anzuheizen und immer neue Ankündigungen zu machen, sollten sich die Präsidentschaftskandidaten darauf konzentrieren, die Risikokultur wiederherzustellen und die Eigenverantwortung der Franzosen zu stärken.“

eldiario.es (ES) /

Leben im Zeitalter der Superbrände

Der Schriftsteller Isaac Rosa denkt in eldiario.es über eine erschreckende Zukunft nach:

„Meine Tochter wurde 2011 geboren, mitten in der Wirtschafts- und Sozialkrise, die wir schon vergessen haben. ... 2036 wird sie 25, ein Jahr, das uns in dystopischen Bildern präsentiert wird: Vielleicht sind dann 50 Grad Celsius normal, und die jetzigen Brände 'die Brände, die uns erwarten' – 'in einem Zeitalter der Superbrände'. ... So sehen Eltern ihre Kinder aufwachsen, in einer Klimakrise ohne Pläne, ihr zu begegnen, kaum Zeit, es überhaupt zu versuchen, ohne aus den Fehlern des letzten Sommers zu lernen. ... Während die Regierung einen Staatspakt fordert, der schon zu spät kommt, während die Klimawandelleugner immer mehr Zulauf bekommen.“

Aamulehti (FI) /

Auch der Norden ist nicht sicher

Auch Nordeuropa muss sich auf großflächige Waldbrände vorbereiten, erinnert Aamulehti:

„Die Großbrände in Südeuropa sind eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass Klimaschutzmaßnahmen allein nicht mehr ausreichen. Große Waldbrände stellen auch in den nordischen Ländern eine echte Bedrohung dar. Dies wurde im Juli in Südnorwegen deutlich. In trockenem Gelände und bei heißem Wetter zerstörte ein außer Kontrolle geratener Waldbrand die Häuser von mindestens 400 Menschen. Ähnliches kann auch in Finnland und in Pirkanmaa [Region um den Redaktionssitz in Tampere] passieren. Sind wir darauf vorbereitet, in einer Situation zu handeln, in der sich ein großflächiger Waldbrand unkontrolliert ausbreitet und bereits an den Rand besiedelter Gebiete gelangt?“

La Libre Belgique (BE) /

Wasser, Feuer und Hitze zerstören unsere Heimat

Die Folgen des Klimawandels sind keine Zukunftsfrage mehr und betreffen uns alle, warnt La Libre Belgique:

„Bis vor Kurzem dachte man bei dem Begriff 'Klimaflüchtlinge' an weit entfernte Bevölkerungsgruppen, die durch den steigenden Meeresspiegel, Dürre oder Wüstenbildung aus ihrer Heimat vertrieben werden. Doch auch in Europa kann unsere Umwelt innerhalb weniger Stunden unbewohnbar werden. Auch wir sind potenzielle Klimaflüchtlinge. … Wasser, Feuer und Hitze sind die drei Gesichter derselben Verwundbarkeit. Es wurde seit Langem vorhergesagt, dass diese extremen Wetterereignisse häufiger und intensiver werden – heute sind sie unsere Realität. Der Klimawandel ist nicht mehr bloß eine Kurve in einem Diagramm oder ein Szenario für 2050. Er lässt sich bereits in verlorenen Menschenleben und verwüsteten Landschaften messen.“

La Tribune de Genève (CH) /

Brandschutz ist wichtiger als Aufrüstung

Europa muss seine Prioritäten ändern, fordert La Tribune de Genève:

„Man erntet genau das, was man gesät hat. Indem man der Rüstung Vorrang vor dem Bevölkerungsschutz gegeben, die Flotte an Löschflugzeugen hat veralten lassen und sich geweigert hat, auf die Klimawarnungen zu hören, hat man den Flammen ein Spielfeld ohne Widerstand geboten. Die Brände werden häufiger, schneller und stärker sein. Solange es noch etwas zu verbrennen gibt, werden sie weiterhin unsere Landschaften verschlingen. Und solange die öffentlichen Haushalte weiterhin stärker auf Krieg als auf den Schutz des Landes ausgerichtet sind, wird sich nichts ändern. Es ist an der Zeit, es ganz offen zu sagen: Die größte Dringlichkeit ist nicht mehr militärischer Natur - sie ist klimatisch, menschlich und territorial. Wegzuschauen ist keine Option mehr.“

La Vanguardia (ES) /

Mit Anschuldigungen löscht man keine Brände

La Vanguardia ist enttäuscht über die Reaktion der Politiker:

„Die Verantwortung ist geteilt. Am schwersten lastet sie auf den Brandstiftern. ... Doch es gibt auch andere. Ein Teil der Schuld liegt bei Waldbesitzern, die es versäumen, ihre Flächen ordnungsgemäß zu pflegen. ... Auch Institutionen tragen ihren Teil der Schuld, besonders wenn sie öffentliche Investitionen so drastisch kürzen, dass sie uns den alles verschlingenden Flammen schutzlos ausliefern. Und, was noch empörender ist, wenn sich rivalisierende Politiker gegenseitig mit Anschuldigungen überhäufen. ... So löscht man gewiss keine Brände.“

Irish Independent (IE) /

Wetterwechsel dürfen nicht träge machen

Ein Ende der Brände darf nicht dazu führen, dass Klimaschutzmaßnahmen wieder hintangestellt werden, mahnt Irish Independent:

„Die Waldbrände sind nur die eindrücklichste Veranschaulichung der Probleme einer sich erwärmenden Welt. In den kommenden Jahrzehnten werden weitaus mehr Menschen an den Folgen extremer Hitze sterben als durch derartige Feuer. ... Wir hatten den heißesten Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Er führte in ganz Europa zu 10.000 zusätzlichen Todesfällen. ... Die gute Nachricht ist, dass die Temperaturen in den kommenden Tagen voraussichtlich sinken werden. In einigen Regionen erwartet und erhofft man Regenschauer. Die Sorge besteht jedoch darin, dass die Entspannung der Lage als weiterer Vorwand dienen wird, notwendige Maßnahmen stillschweigend aufzuschieben.“