Afghanistan: Fünf Jahre Machtübernahme der Taliban

Seit fünf Jahren herrschen die Taliban wieder über Afghanistan. Die Führungsriege beging den Jahrestag mit einem Festakt vor der ehemaligen US-Botschaft, doch der Großteil der Bevölkerung hat keinen Grund zum Feiern: Millionen hungern und Frauen werden zudem systematisch vom öffentlichen Leben und Bildung ausgeschlossen, sogar Singen ist ihnen verboten. Mehrere EU-Staaten schieben Flüchtlinge inzwischen wieder nach Afghanistan ab.

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The Guardian (GB) /

Im Stich gelassen

Die afghanische Journalistin Nelufar Hedayat kommentiert für The Guardian:

„Vor fünf Jahren wurde der brüchige Frieden der jungen, fragilen Demokratie durch den Abzug des westlichen Militärs, von Diplomaten und Hilfsorganisationen erschüttert, die seit 2001 in das Schicksal des Landes eingegriffen hatten. Über Nacht, am Sonntag, dem 15. August 2021, wurde Afghanistan im Stich gelassen. ... Wir alle wussten, was kommen würde, auch wenn der Rest der Welt es offenbar erst später begriff. ... Heute kann man dort so wenig tun, es gibt so wenig Handlungsspielraum, dass fast jeder, mit dem ich in Afghanistan spreche, den Eindruck vermittelt, als würde er ersticken. Es gibt weder Ablenkung noch Erleichterung vom bitteren Leid der afghanischen Bevölkerung im Alltag.“

El País (ES) /

Von Brüssel umworben

Dass die Taliban ziemlich fest im Sattel sitzen, lastet El País teilweise auch der EU an:

„Die Taliban-Regierung unterdrückt die Hälfte ihrer Bevölkerung rücksichtslos und kümmert sich auch nicht um das Elend, in das sie das ganze Volk gestürzt hat – vor allem wegen ihrer unsinnigen Politik der Verfolgung von NGOs, die einer durch jahrzehntelangen Krieg verarmten Bevölkerung halfen. Die islamistischen Führer zahlen dafür keinen hohen Preis. Sie leben nicht nur auf einem Niveau, das sie dem Rest der Bevölkerung verweigern, sondern wurden zuletzt auch von westlichen Regierungen und der EU selbst umworben, die sie in Brüssel wegen der Aufnahme afghanischer Flüchtlinge empfing.“

Der Spiegel (DE) /

Frauen legale Einwanderung ermöglichen

Deutschland sollte Afghaninnen einige Türen öffnen, findet Der Spiegel:

„Afghaninnen könnten sich digital qualifizieren, die Sprache online erlernen und Verträge mit deutschen Arbeitgebern schließen, um dann legal ins Land zu kommen. Traditionelle Hemmnisse müssen sie allerdings selbst überwinden: Brüder können natürlich nicht wie gewohnt als Aufpasser mitkommen. Sie müssten auch die Erwartung der Familie enttäuschen, bald nachziehen zu können. ... Ein deutsches Programm, für das sich Afghaninnen qualifizieren könnten, als Studierende, als Auszubildende, für eine konkrete Arbeitsstelle, um dann sicher nach Deutschland auszureisen, wäre eine gute Investition in die deutsche Wirtschaft. Und ein Stück Wiedergutmachung für ein Versprechen, das der Westen nicht gehalten hat.“