Serbien: Staatsbegräbnis für den Kriegsverbrecher
Der als "Schlächter von Srebrenica" berüchtigte bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladić ist im Gefängnis der Vereinten Nationen in Den Haag gestorben. Er war vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien unter anderem wegen Völkermords und Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Serbiens Justizminister Nenad Vujić kündigte ein Staatsbegräbnis an, was kontrovers diskutiert wird.
Das Abnormale ist normal
Warum stellt Aleksandar Vučić Ratko Mladić als Helden dar? Um sich selbst, den eigenen Kriegsweg und politischen Werdegang zu rehabilitieren, stellt Vreme fest:
„Mladić konnte immer auf die Radikalen und ihr Umfeld zählen, die ihn offen unterstützen. Indem sie ihn rehabilitierten, haben sie auch ihren eigenen politischen Weg rehabilitiert. Beide Seiten brauchten den Mythos des heldenhaften Generals. Sie konnten es: Sie haben 90 Prozent der Medien kontrolliert und das Abnormale normalisiert. Und dadurch das politische und öffentliche Leben zerstört. Man wird sich lange davon erholen müssen. Eine der Aufgaben wird sein, Mladić auf den Platz in der Geschichte zu verweisen, der ihm zusteht.“
Nationale Opfermythen geben den Ton an
Večernji list kritisiert die Darstellung von Mladic und den Kriegsereignissen in Serbien:
„'Es gab Opfer auf beiden Seiten' ist, was man aus Aleksandar Vučić quetschen kann, aber nicht ohne dass er die Geschichte verdreht, das Urteil als Ungerechtigkeit gegen die Serben bezeichnet, deren vergossenes Blut und Opfer jedem egal seien. Aus seinem Mund kommen unhaltbare Vergleiche zwischen dem rechtskräftig freigesprochenen [kroatischen General] Ante Gotovina und rechtskräftig verurteilten Ratko Mladić, um zu betonen, dass hinter [dem Tribunal in] Den Haag eine globale Verschwörung gegen Serbien steckt. Scheinbar ist es wichtiger, nationale Opfermythen zu erhalten und neuen Generationen einzutrichtern, als den europäischen Weg zu beschreiten.“
Strategisches Gewicht macht Belgrad unantastbar
Das Schweigen Europas zur Mladić-Verherrlichung in Serbien wiegt schwer, meint Yetkin Report:
„Europa will Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Aufarbeitung der Vergangenheit. Zugleich will es Stabilität auf dem Balkan und versucht, Russlands Einfluss in der Region zu begrenzen. Deshalb möchte es Belgrad nicht ganz verlieren. Dass Serbiens strategisches Gewicht wächst, müsste Belgrad eigentlich zu verantwortungsvollerem Handeln zwingen. In der Praxis aber geschieht meist das Gegenteil. Strategische Bedeutung erzeugt politische Toleranz. ... Srebrenica liegt mehr als 30 Jahre zurück. Europa hat damals 'nie wieder' gesagt. Genau dieses Wort steht heute auf dem Prüfstand.“
Die Wunden des Krieges bleiben
Mladić blieb bis zum Schluss ein Symbol tiefer Spaltung, betont Efimerida ton Syntakton:
„Für viele Bosnier war er der Mann, der für den Mord an Tausenden von Menschen verantwortlich war, während ein Teil der serbischen Bevölkerung ihn weiterhin als Soldaten und Verteidiger seines Volkes betrachtete. Der 'Schlächter von Bosnien' geht, doch die Wunden des Krieges bleiben. In Bosnien leben Muslime und Serben weiterhin Seite an Seite in einem fragilen Klima des Zusammenlebens, während die nationalistischen Spannungen, die den Krieg der 1990er Jahre ausgelöst hatten, nicht verschwunden sind.“
Sehnsucht nach der starken Hand lebt
Für Kommersant FM ist das Kapitel Mladić nicht abgeschlossen:
„Insgesamt lässt sich sagen, dass diese Ereignisse nun ihre Folgen zeigen. Es gibt keine maßgebliche, allgemein anerkannte Instanz mehr zur Beilegung internationaler Konflikte; die Uno befindet sich in einem Zustand völligen Verfalls. … Im Grunde sind wir in die Vergangenheit zurückgekehrt, ins 20. Jahrhundert, vielleicht noch weiter zurück. Die Gesellschaft ist gespalten: Es gibt weder Rechte, Linke noch eine Mitte. Dafür gibt es die Sehnsucht nach einer starken Hand, nach General Mladić und seinesgleichen. Nach jenen, die keine Umstände machen und ohne Rücksicht auf all diese liberalen Grundeinstellungen, Humanismus und humanitäres Recht handeln. Einst schien es, als sei dieses Kapitel für immer abgeschlossen. Manchmal kehrt die Vergangenheit zurück.“
Hier Schlächter, dort ein Held
Mladić wird heute äußerst zwiespältig wahrgenommen, betonen die Salzburger Nachrichten:
„Sein Tod dürfte seine zerrissene Heimat genauso wenig versöhnen wie seine Verhaftung und Verurteilung zuvor. An Mladić werden sich in Bosniens zerrissenem Vielvölkerstaat auch nach seinem Tod die Meinungen scheiden. Und während nationalistische Gazetten in Serbien erneut die Legendengesänge auf den vermeintlichen Volkshelden anstimmen, wird Ratko Mladić in die Geschichtsbücher als 'Schlächter von Srebrenica' und als einer der größten Massenmörder Europas seit dem Zweiten Weltkrieg eingehen.“
Fatales Vorbild
Leider gilt Mladić weiterhin vielen als Idol – auch so manchen Massenmördern, bedauert Corriere della Sera:
„Noch immer wird er verteidigt, wenn nicht Schlimmeres. Mladić hat nie aufgehört, andere Schlächter zu faszinieren, wie etwa den australischen Irren, der 2019 in Christchurch Dutzende Muslime ermordete. Auch Anders Breivik, der [norwegische] Rassist und Rechtsextremist, der das Massaker von Utøya verübte, sagte, er habe sich von ihm inspirieren lassen. In Kalinovik, Mladićs Heimatort, gibt es ein riesiges Bildnis des 'Helden' Ratko. In Belgrad wird seine Person mit Hunderten von Graffiti gefeiert, und selbst der Tennisspieler Novak Djoković brüstet sich damit, mit dessen Freunden zu verkehren.“