Berlin will Athen nicht entschädigen

Die deutsche Regierung hat am Dienstag griechische Forderungen nach Reparationen erneut zurückgewiesen. Athen beziffert die Summe für die Wiedergutmachung deutscher Kriegsschuld auf 278,7 Milliarden Euro. Angesichts der Verbrechen während der deutschen Besatzung kann man die Debatte nicht einfach für erledigt erklären, ärgern sich einige Kommentatoren. Andere kritisieren die griechische Verhandlungstaktik, die nur auf Konfrontation setzt.

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Dennik N (SK) /

Athen spielt letzte Trümpfe aus

Die griechische Forderung nach Reparationen Deutschlands für Verbrechen im Zweiten Weltkrieg und die Reise von Premier Alexis Tsipras nach Moskau am heutigen Mittwoch haben nach Meinung der Tageszeitung Dennik N eines gemeinsam: "Beide sind Teil der Verhandlungstaktik gegenüber Brüssel, Berlin und den westlichen Gläubigern. Athen will zeigen, dass es noch Trümpfe im Ärmel hat, um Druck auszuüben, nach dem Motto: Wenn Berlin uns nicht entgegenkommt, dann bereiten wir ihm wenigstens eine ordentliche internationale Schande. Und wenn der Westen kein weiteres Geld ohne Garantien zu geben bereit ist, bekommen wir es vom großen Bruder im Osten. Die Reparationsforderungen und die Reise sollen die griechische Öffentlichkeit und zumindest Tsipras' Wähler bei kämpferischer Laune halten und es ihnen erleichtern, sich mit einer nicht eben erfreulichen Zukunft abzufinden: Entweder dem Ausstieg aus der Eurozone oder der Befolgung der Forderungen der Gläubiger. Man hätte dann bis zum letzten Atemzug gekämpft und sich bei den Feinden zumindest gerächt."

El País (ES) /

Tsipras setzt auf falsche Taktik

Im Streit um deutsche Reparationszahlungen hat Griechenland nun konkrete Zahlen genannt. Die Höhe der Summe und der gewählte Zeitpunkt, mitten in der Debatte um ein neues Hilfspaket, könnten nicht ungelegener kommen, ärgert sich die linksliberale Tagezeitung El País: "Waren die Verhandlungen bereits schwierig, so sind sie jetzt fast unmöglich geworden. ... Es ist eindeutig, dass es sich um einen politischen Schachzug handelt. Als vermeintliche Verhandlungstaktik setzt die Regierung unter Alexis Tsipras auf Konfrontation - und zwar mit Deutschland. Diese Strategie wird nicht weit führen. Griechenland ignoriert dabei, dass das heutige Deutschland nicht mehr mit dem der 1940er Jahre vergleichbar ist. Und es widersetzt sich den Grundsätzen der EU, die auf Versöhnung beruhen, eben um das Wiederaufkommen alter Feindschaften zu vermeiden. Griechenland spuckt auf die Hand, die ihm zu essen gibt."

Basler Zeitung (CH) /

Reparationen zögern Ende der Eurozone hinaus

Die deutsche Regierung könnte der Reparationsforderung zumindest teilweise nachgeben, um die Währungsunion zu retten, meint die rechtskonservative Basler Zeitung: "Die deutsche Regierung lehnt Entschädigungszahlungen an Griechenland vorerst ab. Doch nicht alle in Berlin sehen das so. ... Um das Ende der Eurozone in ihrer jetzigen Zusammensetzung weiter hinauszuzögern, könnte sich die deutsche Regierung schon bald gezwungen sehen, weitere Milliarden an Griechenland zu überweisen. Die Anerkennung von Reparationsforderungen könnte da eine willkommene Ausrede sein, um dies vor der deutschen Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Man könnte dann hehre Reden von historischer Verantwortung führen. Tatsächlich aber ginge es darum, eine dysfunktionale Währungsunion künstlich am Leben zu erhalten."

Frankfurter Rundschau (DE) /

Deutsche Gutsherrenhaltung ist dämlich

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die griechischen Reparationsforderungen am Dienstag als "dumm" bezeichnet. Damit macht er es sich zu einfach, kritisiert die linksliberale Frankfurter Rundschau: "Die deutsche Gutsherrenhaltung, einen offensichtlichen Konflikt einfach für erledigt zu erklären, ist angesichts der Verbrechen, die den Forderungen zugrunde liegen, auch nicht akzeptabel. ... Deutschland hat auch nach dem Zwei-plus-vier-Vertrag von 1990, der angeblich alle Nachkriegsansprüche befriedet hat, Sondervereinbarungen über den Ausgleich von nationalsozialistischem Unrecht getroffen, zum Beispiel in Form der Zwangsarbeiterstiftungen. Warum sollte sich nicht auch mit Griechenland ein solches Stiftungsmodell finden lassen? Die heutigen Forderungen an Griechenland haben faktisch nichts mit den historischen Forderungen Griechenlands an den Besatzer Deutschland zu tun. Fiskalisch lässt sich da nichts aufrechnen. Aber die moralische Frage verdient eine andere Antwort."