Flugzeugabschuss: Was ändert Teherans Geständnis?

Der Iran hat den versehentlichen Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs eingeräumt, das am Mittwoch in Teheran abgestürzt war. Wegen eines Kommunikationsfehlers habe man einen Angriff der USA vermutet. Kommentatoren diskutieren die Auswirkungen dieses Fehlers.

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Adevărul (RO) /

Revolutionsgarden mit falschen Aufgaben betraut

Teheran sollte genauer hinschauen, was dazu geführt hat, dass die Maschine abgeschossen wurde, fordert der Sicherheitsexperte Iulian Chifu in Adevărul:

„Der Oberste Religionsführer ist der direkte Vorgesetzte der Revolutionsgarden. Diese paramilitärischen Kräfte verfügen über Marine-, Luftwaffen- und Raketenverbände. Sie sind eine zweite Armee. Es ist zu fragen, ob Leute, die nicht auf die klassischen Militärschulen gehen, die Kompetenz, die Ausbildung, die Moral und das Selbstvertrauen haben, allein und in Sekundenschnelle über Leben und Tod zu entscheiden. ... Und ob die ultrareligiöse Indoktrinierung und die veraltete, konservative psychologische Ausbildung dieser Truppen - die zuallererst das Regime und erst zweitrangig das Land verteidigen sollen - nicht doch eine Rolle spielen bei diesem Impuls, auf den Raketenknopf zu drücken.“

Wedomosti (RU) /

In diesem Regime steckt ein republikanischer Kern

Laut Wedomosti hat das Eingeständnis gezeigt, dass die Islamische Republik weitaus mehr republikanischen Charakter hat, als es scheinen mag:

„Das politische Regime im Iran ist weit entfernt von europäischen Demokratievorstellungen und in vielerlei Hinsicht blutig, brutal und tyrannisch. Bürgerproteste gegen die Staatsmacht werden regelmäßig und äußerst hart niedergeschlagen und gerade jetzt, da die Iraner gegen die aufgeflogenen Lügenversuche protestieren, rollt die nächste Welle der Gewalt über das Land. Dennoch hat der Iran weitaus mehr Grund, sich als Republik zu sehen, als viele seiner Nachbarstaaten. Obwohl die Revolutionsgarden eine der Säulen des Regimes sind, zeigt die Bereitschaft der Führung, ihre Schuld einzugestehen, dass das Prestige des Staats den Führern der Islamischen Republik immer noch bedeutsamer ist als das Prestige ihrer Bewacher.“

nv.ua (UA) /

Fanatikern die Grenzen aufzeigen

Der Iran muss zur Rechenschaft gezogen werden, fordert Jurij Butussow, Chefredakteur von Zensor.net, in Nowoje Wremja:

„Verrückte religiöse Fanatiker haben von Putin Raketen erhalten und töteten damit 176 Menschen ... Die Ukraine muss mit anderen betroffenen Ländern den UN-Sicherheitsrat einberufen lassen und sollte eine internationale Untersuchungskommission einsetzen, um den kriminellen Angriff auf das ukrainische Flugzeug zu untersuchen. ... Die iranische Führung ist nicht nur für Befehle an ihre wenig professionell handelnden Truppen verantwortlich. Sie hat den Luftraum nicht geschlossen und damit unser Flugzeug dem Angriff ausgesetzt. Und dafür müssen sie die Verantwortung tragen. Die Ukraine muss den religiösen Fanatikern eine Lektion erteilen.“

The Daily Telegraph (GB) /

Europa war zu blauäugig

Alle Vorbehalte gegen den Iran bestätigt sieht The Daily Telegraph:

„Wie konnten Barack Obama und seine Verbündeten - zu den leider auch Großbritannien gehörte - nur glauben, dass eine Diktatur, die in so umfangreichem Maß Lügen verbreitet und ihre eigenen Bürger ermordet, so viel Geld einsteckt, ohne ein bisschen davon in die Entwicklung eines Atomwaffensystems zu investieren? Auch wenn behauptet werden kann, dass sich der Iran formell an das Abkommen gehalten hat, so testete das Land doch weiter Raketen, die theoretisch zum Transport von Sprengköpfen eingesetzt werden könnten, sobald das Regime sein Atomprogramm wieder hochfährt. Donald Trump hat viele Fehler, aber er verdient Anerkennung dafür, dass er dem Regime kein Vertrauen schenkte.“

Der Standard (AT) /

Die Straße zeigt mit dem Finger auf Chamenei

Seine Unfähigkeit und sein Zynismus könnten das iranische Regime zu Fall bringen, mutmaßt Der Standard:

„Die Illusion einer nationalen Einheit, die das Regime nach der extralegalen Tötung von General Ghassem Soleimani durch die USA herstellen konnte, ist verpufft. Auch diese Inszenierung war durch die Massenpanik beim Begräbnis Soleimanis in Kerman, bei der dutzende Menschen starben, ja bereits blutbefleckt. Und nun wird sie durch die Opfer der abgeschossenen Boeing vollends zerstört. ... Die iranischen Medien wandten sich am Sonntag scharf gegen 'die Verantwortlichen' für den Abschuss – meinten damit jedoch andere als die Demonstranten. Jene in der Kommandokette, die die falschen Entscheidungen getroffen haben, werden wohl bestraft werden. Aber die Straße zeigt direkt auf das System und dessen obersten Repräsentanten, Ali Chamenei.“

Aktuality.sk (SK) /

Vorhaltungen gegen den Iran sind unfair

Aktuality.sk hält es für ungerechtfertigt, den Abschuss des Flugzeuges nahe Teheran mit dem von MH 17 über der Ukraine zu vergleichen:

„Das Flugzeug bei Teheran wurde von Raketen getroffen, weil die Iraner einen Angriff der USA vermuteten. Das war keine Paranoia - es waren die USA, die den Konflikt auslösten, als sie General Soleimani unter Verstoß gegen das Völkerrecht ermordeten. ... Nein, die 176 Opfer werden nicht wieder lebendig. Aber die Art und Weise, wie der iranische Präsident Hassan Rohani reagiert hat, verdient Aufmerksamkeit. ... Teheran brauchte eine Woche, um seine Schuld anzuerkennen und zu bereuen. Im Gegensatz zu Rohani hat Putin bis heute nicht gestanden.“

Echo Moskwy (RU) /

Putins Bande ist dazu nicht fähig

Regelrecht erregt zeigt sich Schriftsteller Viktor Schenderowitsch auf Echo Moskwy darüber, dass Moskau auch sechs Jahre nach dem Abschuss von MH-17 seine Schuld nicht eingestehen will:

„Darin liegt der Unterschied zwischen einem verbrecherischen ideologischen Regime und einer miesen Bande. Nicht dass die anderen besser wären, Gott behüte! Und weniger gefährlich sind sie auch nicht, eher umgekehrt. Nur haben die Ajatollahs (in ihrem verqueren Bewusstsein) Allah über sich, der es erlaubt, den Tod unschuldiger Menschen im Rahmen gottgefälligen Tuns und der eigenen sturen Rechthaberei zu sehen. Über Putin und Co. weht kein grünes Banner, sondern ein unsichtbares, mit der Losung: 'Du stirbst heute und ich erst morgen.' Daher dieses ewige Rumgedruckse und 'Beweist doch erst mal was'. Und wenn man sie dann mit Beweisen an die Wand drückt, gibt's den Mittelfinger als Antwort.“