Putin in Peking: Partner oder Bittsteller?

Nur wenige Tage nach dem Besuch von Donald Trump ist Wladimir Putin für zwei Tage nach Peking gereist. Der russische Präsident und Gastgeber Xi Jinping betonten öffentlich die guten Beziehungen ihrer Länder. Zur Vertragsunterzeichnung über eine zusätzliche Pipeline zum Export russischen Erdgases kam es allerdings nicht. Europas Presse lotet die internationalen Machtverhältnisse aus.

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Adevărul (RO) /

Grenzenlose Freundschaft sähe anders aus

Der rumänische Militärexperte Alexandru Grumaz kommentiert in einem Beitrag auf der Webseite von Adevărul:

„Die Multipolarität, von der Peking und Moskau immer sprechen, sieht so aus, dass es einen Hauptpol gibt – nämlich China – und andere Akteure, die in dessen Umlaufbahn kreisen. Russland bleibt mit seinen Rohstoffen und seinem Atomwaffenarsenal für Peking ein nützlicher Partner – aber kein unentbehrlicher. Allein die Tatsache, dass China sowohl an Russland als auch an die Ukraine Komponenten verkauft, sagt alles, was man über das Wesen dieser 'grenzenlosen Freundschaft' wissen muss: Sie hat ganz klare Grenzen, nämlich die nationalen Interessen Chinas.“

La Stampa (IT) /

Die wichtigste Zusage wurde Moskau verwehrt

Aus russischer Sicht dürften sich die Erwartungen an die Reise nicht erfüllt haben, kommentiert La Stampa:

„Das erste greifbare Ergebnis des Besuchs war der Einbruch des Gazprom-Aktienkurses an der Moskauer Börse. ... Die Aktie fiel innerhalb eines Tages um 3,5 Prozent. ... Der Grund dafür ist, dass sich die Hoffnung, die von Putins Sprecher Dmitri Peskow am Vorabend der Chinareise als 'sehr wichtig' bezeichnet worden war, nicht erfüllt hat: Der Kreml konnte Xi Jinping wieder nicht davon überzeugen, den Vertrag über die Lieferung von 50 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr durch die Pipeline Power of Siberia 2 zu unterzeichnen.“

taz, die tageszeitung (DE) /

Russland wird wie eine Zitrone ausgequetscht

Putins Abhängigkeit von China beschreibt die taz:

„Eilig und mit riesigen Rabatten muss Putin versuchen, sein Gas beim östlichen Nachbarn loszuwerden. Xi quetscht Russland dabei wie eine Zitrone aus. ... Russland ist bei Lieferungen von Technik oder Glasfaserkabeln für seine Drohnen fast vollständig auf 'Made in China' angewiesen. 36 Prozent aller seiner Importe bezieht Russland inzwischen aus China. ... Chinesische Pkws, Lastwagen und Busse dominieren schon jetzt die Neuwagenverkäufe in Russland, haben russische Fabriken fast plattgemacht. ... Chinesische Firmen roden ohne Rücksicht auf die Umwelt sibirische Urwälder. Putin macht durch seine imperialistische Politik das Riesenreich zu einer chinesischen Provinz.“

El País (ES) /

Die Krise der USA zur Schau gestellt

Im Gegensatz zu Trump ist Putin für Xi ein verlässlicher Gesprächspartner, betont El País:

„Das Bündnis zwischen Russland und China sendet eine klare Botschaft an die Welt: Die USA nehmen keine Vormachtstellung ein, selbst wenn Trump dies andauernd behaupten mag. Und es stellt die Effektivität, die internationale Berechenbarkeit und Koordination zwischen Russland und China zur Schau. Eben das, was Xi vom US-Präsidenten einfordert, wenn er von konstruktiver strategischer Stabilität spricht – also das Gegenteil vom Chaos, das gerade in der mächtigsten Demokratie der Welt herrscht, die zurzeit in eine militaristische, autoritäre und illiberale Entwicklung verstrickt ist.“

Lidové noviny (CZ) /

Über Pole, die sich abstoßen und anziehen

Bei schwächelndem westlichen Zusammenhalt wächst die Anziehungskraft Chinas, reflektiert Lidové noviny:

„Donald Trump hält den Westen von einer Zusammenarbeit ab. ... Der 'Rest des Westens', insbesondere die EU, wird sich wohl eher Chinas Soft Power zuwenden, obwohl Europa wissen muss, dass diese Macht Russland im Ukraine-Krieg entscheidende Unterstützung leistet. Doch dieselbe Macht versorgt Europa auch mit erschwinglichen Elektroautos, Solarpaneelen oder Windkrafträdern – all dem, wovon europäische Politiker immer gepredigt, aber nie kostengünstig und in Massen hergestellt haben.“

France Inter (FR) /

Sibiriens Erdgas als stabiles Bindeglied

Die russisch-chinesische Partnerschaft basiert auf Energielieferungen, so Kolumnist Pierre Haski in France Inter:

„Für China ist Russland eine Art Schatzkammer für fossile Brennstoffe direkt vor der Haustür, was in diesen Zeiten von Energieknappheit besonders wertvoll ist. Ein Blick auf die Delegation, die Putin nach China begleitet, genügt: Sämtliche Oligarchen der Energiebranche sind mitgereist. Eine zweite, 7.000 Kilometer lange Gaspipeline zwischen Russland und China über die Mongolei ist geplant: Power of Siberia 2 soll jährlich zusätzlich 50 Milliarden Kubikmeter Gas liefern. ... Diese gestärkte Energiepartnerschaft macht eine Entfremdung zwischen beiden Ländern auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.“

Handelsblatt (DE) /

Keine Freundschaft, sondern Zweckallianz

Xi und Putin verbindet weniger ideologische Nähe als ein gemeinsames Interesse, erklärt das Handelsblatt:

„Beide wollen eine Welt zurückdrängen, die jahrzehntelang von den USA dominiert wurde. Und beide profitieren davon, wenn Washington Unruhe verbreitet. Trumps impulsive Außenpolitik, seine widersprüchlichen Signale im Nahen Osten und seine sprunghaften Allianzen liefern Peking und Moskau die Vorlage, die sie brauchen. ... [H]inter der demonstrativen Harmonie steckt keine romantische Männerfreundschaft zweier Autokraten. Es ist eine Zweckallianz zweier Großmächte, die gelernt haben, dass Chaos manchmal der stärkste Klebstoff geopolitischer Partnerschaften ist.“

Espreso (UA) /

China möchte im hohen Norden Fuß fassen

Politologe Wadym Denyssenko erklärt in einem von Espreso übernommenen Facebook-Post, dass Peking von Moskau mehr erwartet als Energie und Loyalität:

„China wird mit Sicherheit Zugeständnisse verlangen – vor allem in punkto Bereitstellung von Territorien für künftige Infrastruktur des Nördlichen Seewegs. Die Sache ist, dass China bereits seine polaren Handelskarawanen gestartet hat und Schiffe für genau diese Route baut (keine atomgetriebenen Eisbrecher, sondern eben Frachtschiffe). Doch diese Karawanen fahren ohne Zwischenstopps und laufen keine Häfen an – in erster Linie wegen des Mangels an geeigneten eigenen Niederlassungen und logistischer Infrastruktur.“

Kommersant (RU) /

Grundsteinlegung einer neuen Weltordnung

Xi und Putin arbeiten an der Schaffung einer von den USA unabhängigen neuen Globalisierung, schreibt in Kommersant der Direktor des Instituts für China und das moderne Asien, Kirill Babajew:

„Diese Welt muss ohne Rücksicht auf Drohungen im sozialen Netzwerk Truth Social geschaffen werden, Stück für Stück – durch eine neue internationale Zahlungsinfrastruktur, neue Mechanismen der Handelsregulierung und eine neue Globalisierung. ... Genau eine solche Welt brauchen heute die Länder der weltweiten Mehrheit, und man kann sicher sein, dass Putin und Xi in den nächsten Tagen genau die Wege zur Gestaltung dieser neuen Welt erörtern werden – sei es durch die Strategie der Eurasischen Partnerschaft, die Brics oder die SOZ (Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit).“

Interia (PL) /

Im Kontrast erstrahlt der Gastgeber in neuem Licht

China muss nicht viel tun, um gegenüber Trump und Putin geradezu seriös zu erscheinen, meint Interia:

„Im Jahr 2026 stand das Reich der Mitte tatsächlich im Mittelpunkt der Welt. Zuerst reiste Präsident Donald Trump nach Peking. Nun war Präsident Wladimir Putin dort zu Gast. Seltsamerweise wirken beide in Peking wie Bittsteller. ... Vorerst scheint es, dass der chinesische Neoimperialismus, der auf einer – im Zeitalter der sozialen Medien – altmodischen Geduld basiert, am imposantesten wirkt. Noch nie wurden so viele Texte darüber geschrieben, dass China sich seriös und glaubwürdig präsentiert, insbesondere vor dem Hintergrund der nervösen Politik Trumps.“

La Stampa (IT) /

Wenn zwei mit allen streiten, freut sich der Dritte

Das mittelfristige Ziel von Xi ist für La Stampa klar:

„Er hat sich das nicht allzu ferne Ziel gesetzt, die USA bis 2050 zu überholen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Xi bleibt realistisch und begnügt sich vorerst damit, China als die stabile und verantwortungsvolle Großmacht zwischen den beiden anderen zu positionieren, die in Kriege verwickelt sind, aus denen sie sich nicht befreien können und die in der übrigen Welt Energiekrisen und Handelsspannungen verursachen. Chinas Wachstumsverlangsamung, bedingt durch geopolitischen Widerstand und Konkurrenz im Indopazifik, Überkapazitäten in der Industrie und den demografischen Rückgang, wird durch die Fehltritte und Fehler Russlands und der USA mehr als ausgeglichen. Diese Fehler haben konkrete Namen: Ukraine und Iran.“