Kann sich Europa an das neue Klima anpassen?

Meldungen über Hitzerekorde sind spätestens in diesem Sommer fast überall in Europa zum Alltag geworden. In vielen Ländern herrscht extreme Dürre, die Pegel von Flüssen und Seen markieren Tiefststände. Waldbrände führen zu Massenevakuierungen.

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Der Spiegel (DE) /

Jeder kämpft für sich allein

Für den Spiegel ist das Schlimmste nicht die Dürre selbst, sondern die Teilnahmslosigkeit, mit der sie in Deutschland hingenommen wird:

„Ein Land sieht zu, wie seine Lebensgrundlagen verdunsten. Und wenn ihre Gefährdung niemanden mehr beunruhigt, zerfällt nach und nach auch der Anspruch, dass eine Gesellschaft ihre existenziellen Herausforderungen gemeinsam trägt. Auf diese Weise waten wir einer Zukunft entgegen, in der die Klimakrise schlicht privatisiert wird. Dann kämpft jeder für sich. Wer es sich leisten kann, schützt sich. Wer es nicht kann, bleibt zurück. Nicht der Wassermangel allein wäre dann die Katastrophe. Sondern der politische und soziale Zerfall, den wir widerstandslos in Kauf nehmen.“

The Irish Times (IE) /

Eine Frage der Sicherheit

Europa muss den Klimaschutz mit derselben Entschlossenheit angehen wie seine Verteidigung, fordert The Irish Times:

„Europa hätte spätestens 2003, als eine Hitzewelle mehr als 70.000 Menschen das Leben kostete, wachgerüttelt werden müssen. Stattdessen ist der Kontinent heute die sich weltweit am schnellsten erwärmende Region, während die Klimapolitik auf der Stelle tritt, da Verteidigung und Wettbewerbsfähigkeit die EU-Agenda dominieren. ... Es lohnt sich, die Untätigkeit Europas und Irlands im Bereich der Klimaresilienz mit der Geschwindigkeit und dem Umfang der Verteidigungsausgaben und -planungen zu vergleichen. Der Anfang 2025 angekündigte 'ReArm Europe'-Plan ist genau die Art von umfassender und koordinierter EU-Strategie, die auch der Klimawandel erfordert.“

Le Monde (FR) /

Hier kühlen, dort anheizen

Warum viele Maßnahmen zur Anpassung ins Leere laufen könnten, erläutert Le Monde:

„Gerade in dem Moment, in dem Europa die Folgen eines aus dem Gleichgewicht geratenen Klimas zu spüren bekommt, werden andernorts weiterhin neue fossile Infrastrukturen gebaut. Dieser Widerspruch zeigt sich auf absurde Weise am Beispiel des Projekts von Amazon in Texas: Dort wird ein gigantisches Gaskraftwerk gebaut, um den Energiebedarf des Unternehmens zu decken – ein Kraftwerk, das zur größten Quelle von Treibhausgasemissionen in den USA werden könnte. Wir setzen immer mehr Mittel ein, um uns vor der Erderwärmung zu schützen, während wir gleichzeitig das Phänomen weiter anheizen, das sie verursacht.“

Kurier (AT) /

So angenehm könnten Städte sein

Eine optimistische Zukunftsvision bringt der Kurier in die Debatte ein:

„Montag im August 2050, sieben Uhr früh. Das Erste, was auffällt, ist das, was fehlt – der Lärm. Kein 'Rööhr', die fossilen Verbrenner sind weg. Auch der Gestank ist verschwunden. Stattdessen: Vogelgezwitscher, Fahrradklingeln, spielende Kinder, Tratsch. Über den Dächern von Wien liegt kein Hitzestau, die Stadt konnte im vergangenen Jahrzehnt um einige Grade abgekühlt werden, weil zwischen den Häusern Bäume stehen, wo früher Pkw den öffentlichen Raum okkupierten. Die Schwammstadt zeigt Wirkung: Sickerflächen speichern Regen, versorgen Bäume, kühlen die Straße. Jedes Gebäude ist ein Kraftwerk, Photovoltaik auf Dächern, in Fenstern und Fassaden, dazu Batteriespeicher, die das Netz entlasten. Die Wärme kommt aus der Erde.“

T24 (TR) /

Die Dürre beginnt in der Mülltonne

Wer beim Wassersparen nur an den Wasserhahn denkt, übersieht die größte Verschwendung, kommentiert T24:

„In Wahrheit werfen wir das Wasser mitsamt Brot, Reis, Nudeln, Obst und Gemüse in den Müll. Die Menge, die durch Nahrungsmittelverluste und Verschwendung verloren geht, entspricht etwa einem Viertel des in der Landwirtschaft genutzten blauen und grünen Wassers. ... Was wir nicht wegwerfen sollten, kippen wir in die Natur. Und was wir wertschätzen sollten, werfen wir weg. Der Kern unseres Problems ist: Wir bekommen weder unseren Müll noch unsere Ressourcen in den Griff.“

Les Echos (FR) /

Anpassung ist das Gebot der Stunde

Für Grundsatzdebatten und Ursachenforschung ist jetzt keine Zeit mehr, urteilt Les Echos:

„Wenn das Schiff sinkt, geht es nicht darum, die Ursache des Untergangs zu beheben, sondern in die Rettungsboote zu steigen. Die Dringlichkeit ist zugleich gesellschaftlicher, gesundheitlicher, wirtschaftlicher und politischer Natur. Wir müssen Arbeitszeiten und Zeitpläne, Städte und Saatgut, Produktion und Urlaube, Lebensweisen und Gesellschaften anpassen. … Die gute Nachricht ist, dass die Regierenden in Frankreich und Europa allmählich das Ausmaß des Problems anerkennen und damit beginnen, Anpassungspläne auszuarbeiten. Aber es muss schneller, entschlossener und weitreichender vorgegangen werden.“

Le Soir (BE) /

Das Übel auch an der Wurzel packen

Das neue Schlagwort Anpassung darf nicht die Reflexion über die Gründe verdrängen, mahnt Le Soir:

„Seit Beginn des Sommers hat sich der Begriff 'Anpassung' in der öffentlichen Debatte durchgesetzt. Zu Recht: Unsere Gesellschaften müssen sich an eine Welt anpassen, die sich erwärmt. Das ist unverzichtbar, aber unzureichend. ... Zwar kann und muss man von den zuständigen Behörden erwarten, dass sie sich auf 'morgen' einstellen, doch man muss ebenso einfordern, dass das Problem an der Wurzel angegangen wird: die Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Es geht nicht darum, sich zwischen Klimaschutz und Anpassung zu entscheiden, sondern beides gleichzeitig voranzutreiben.“

Hospodářské noviny (CZ) /

Ignoranz siegt über Sorgen

Hospodářské noviny klagt über Sturheit, mit der vor allem in sozialen Medien der Klimawandel weiter geleugnet wird:

„Die Zahl der Todesopfer der diesjährigen Hitzewelle in Europa steigt. Niemand zählt die Fälle, in denen jemand 'nur' zusammenbrach oder schwerwiegendere Komplikationen erlitt. Immer mehr Haushalte leiden unter Wasserknappheit. Anstatt ernsthaft darüber zu diskutieren, wie wir dem in den kommenden Jahren begegnen und wie wir Bürger, Ernten, Tiere und die Landschaft vor diesen Phänomenen schützen können, streiten wir über die Existenz des Klimawandels. Ideologische Starrheit siegt über die realen Probleme, die immer mehr Menschen beunruhigen. Und die tschechische Regierung reagiert völlig passiv auf diese Besorgnis.“