Urnengang in Israel: Eine Schicksalswahl?
Die Israelis wählen heute ein neues Parlament. Nach dem verheerenden Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und drei Jahren Krieg entscheidet ein stark polarisiertes Land über die Richtung, die die Politik nehmen soll. Laut Umfragen sieht es nach einem engen Rennen zwischen dem rechts-religiösen Block von Benjamin Netanjahu und dem moderateren Oppositionsbündnis von Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot aus.
Die Demokratie selbst steht auf dem Spiel
Israel-Korrespondentin Maria Sterkl empfiehlt im Standard den Blick zurück:
„Im Jänner [2022] kündigte Justizminister Jariv Levin einen massiven Umbau der israelischen Demokratie an. Er nannte das 'Justizreform'. Sein Plan war das Ausschalten der demokratischen Kontrollinstanzen – mit dem Ziel, dass die Regierung sich an keine Gesetze mehr halten muss. Diesen Plan haben die Rechtsparteien nicht aufgegeben. ... Richterstellen wurden nicht nachbesetzt, Entscheidungen des Höchstgerichts ignoriert, lästige Personen an den Spitzen der Geheimdienste und der Armee durch rechte Vertrauensleute ersetzt. Liberale Kräfte in Israel sind überzeugt: Wenn Netanjahu jetzt nicht abgewählt wird, wird die neue Regierung diesen Kurs des Demokratieabbaus mit voller Kraft fortsetzen.“
Überleben und Existieren um jeden Preis
Auch wenn Netanjahu verliert, wird sich wenig ändern, vermutet La Stampa:
„In den letzten drei Jahren haben 268.000 Bürger das Land verlassen – mehr als die Zahl der Neuankömmlinge. Ein Symptom, das für sich allein schon das Gefühl der Unsicherheit verdeutlicht. Alles andere – die Korruption, die Interessenkonflikte, die Gefahren für die Demokratie, die Zerstörung des Gazastreifens – all das spielt kaum eine Rolle bei der Orientierung der israelischen Wählerschaft angesichts der jahrtausendealten Frage: Überleben und Existieren um jeden Preis. ... Ob Netanjahu verliert oder nicht, die Frage wird bestehen bleiben. Die Antworten, die Eisenkot geben kann, werden leider nicht grundverschieden ausfallen können.“
Es geht um den Einfluss der Religion
Gadi Eisenkot ist ein ernsthafter Gegenkandidat zu Netanjahu, viele seiner Pläne sind jedoch noch unklar, meint Berlingske:
„Dennoch müssen wir hoffen, dass Israel eine neue Regierung bekommt. Bei der Wahl geht es nämlich um etwas ganz Grundlegendes: Soll Israel weiterhin ein säkularer, demokratischer Staat im Sinne der zionistischen Grundidee bleiben? Oder soll die Religion immer mehr Einfluss auf die Gesellschaft gewinnen, so wie es der wegen Korruption angeklagte Netanjahu – dessen Partei Likud überhaupt nicht religiös ist – zugelassen hat, um seine Macht zu sichern?“
Einzigartiges Pflichtbewusstsein
The Spectator zeigt sich beeindruckt von den vielen Israelis, die eigens zur Wahl anreisen:
„Viel wurde über die Tausenden geschrieben, die nach Hause zurückkehren, um Netanjahu abzuwählen. Doch kommen auch Tausende, um ihn im Amt zu halten. Wofür sie stimmen, ist weniger wichtig als der Akt an sich. Menschen überqueren Kontinente, um einen Stimmzettel in die Urne zu werfen. Wie viele Demokratien wecken bei Bürgern, die Tausende Kilometer entfernt leben, ein solches Bedürfnis nach politischer Mitbestimmung? ... Israels Bürger wissen, dass der Staat ihnen gehört und sie für seine Ausrichtung verantwortlich sind. Für Juden hat dieses Bewusstsein eine historische Bedeutung, die im täglichen Lärm der israelischen Politik leicht untergeht.“
Im besten Falle mit dem Likud
Für eine große Koalition – nur ohne Netanjahu – wirbt die Aargauer Zeitung:
„Wer aktuell besonders gute Chancen hat, Netanjahu als Regierungschef abzulösen, ist Gadi Eisenkot, ehemaliges Mitglied des Kriegskabinetts. Und paradoxerweise wäre es am besten, täte Eisenkot das mit Netanjahus Likud-Partei. ... Unter dieser Voraussetzung wäre es gar vorstellbar, dass die Netanjahu-Partei selbst mit ihrer eigenen Spitze bricht, denn nur eine Likud ohne Bibi ist für Eisenkot ein potenzieller Koalitionspartner. ... Wenn es ... darum geht, ob die Likud mit Netanjahu als Oppositionspartei zurückbleibt oder ohne Netanjahu mitregieren wird, wird sich noch so manch ein Parteimitglied gegen den eigenen Chef stellen.“
Opposition überholt den Premier rechts
Netanjahus Weltanschauung wird von vielen seiner politischen Gegner geteilt, betont Politologe Sergej Medwedew auf Facebook:
„Das Oppositionsbündnis unter der Führung von Gadi Eisenkot liegt in den Umfragen leicht vorn. ... Doch die Wahl findet unter den Bedingungen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu statt. Die wichtigsten Führer des Oppositionsblocks haben in einer Reihe wichtiger Aspekte Netanjahus Weltanschauung übernommen und sind sogar noch weiter nach rechts gerückt als er. ... Die Mehrheit der israelischen Juden sieht die Welt nun so, wie Netanjahu sie lange Zeit gesehen hat. Darin liegt Netanjahus großer Sieg. Doch er wird durch seine große Niederlage aufgewogen: Ein Großteil der Welt sieht Israel nun so, wie es die Bewohner des Gazastreifens sehen.“
Ohne Aufarbeitung keine Heilung
Israel muss den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 politisch aufarbeiten, um voranzukommen, urteilt La Libre Belgique:
„Die Wähler müssen sich am Dienstag vor allem hinsichtlich der schmerzhaften Wunden Israels entscheiden. Nicht in der Hoffnung, die eine oder andere Wunde notdürftig zu versorgen, sondern um ihr Land auf den Weg einer echten Heilung zu bringen. ... Netanjahu weigert sich auch drei Jahre später noch, eine staatliche Kommission zuzulassen, die die politische Verantwortung für die Ereignisse vom 7. Oktober klärt. … Doch jeder Israeli hat das Recht zu erfahren, was diesen verhängnisvollen Tag im Oktober ausgelöst hat. Keine Gesellschaft kann zuversichtlich in die Zukunft blicken, wenn sie vor ihrer Vergangenheit die Augen verschließt.“
Demonstration des direkten Drahts nach Washington
Ein überraschender Besuch von Pete Hegseth am Montag sollte Netanjahu offenbar helfen, bei seinen Wählern zu punkten, meint Militärexperte Alexandru Grumaz bei Adevărul:
„Der Fakt, dass der US-Verteidigungsminister kommt, um mit ihm auf einem Militärstützpunkt zu diskutierten – acht Tage vor der Wahl – untermauert das Image eines Premiers, der direkt Zugang zu den Entscheidungen in Washington hat. Für den Wähler ist die Botschaft leicht zu verstehen: ein Regierungswechsel würde auch das Auswechseln jenes Menschen bedeuten, der diese Beziehungen besitzt, wo sich doch das Land in einer gefährlichen Phase befindet. Das ist ein starkes Wahlargument, auch wenn die Partnerschaft zwischen zwei Staaten nicht davon abhängen sollte, wer sie jeweils anführt.“
Auch kleine Veränderungen wären wichtig
TVNet erklärt, warum ein Regierungswechsel nicht mit einem Kurswechsel gleichzusetzen ist:
„Insgesamt ist klar, dass ein Abgang Netanjahus nicht automatisch bedeutet, dass Israel bereit ist, die Kriege zu beenden oder das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat zu unterstützen. Viele Wähler wünschen sich eine verantwortungsvollere Regierung, befürworten aber weiterhin Militäroperationen. Ein Sieg der Opposition kann daher nicht als klare Forderung nach einer Kursänderung im Verhältnis zu den Palästinensern und anderen Nachbarn verstanden werden. Dennoch wären selbst begrenzte Veränderungen für beide Seiten wichtig.“
Letzte Wendemöglichkeit vor dem Abgrund
Die Israelis müssen bei ihrer Wahl Netanjahu Einhalt gebieten, appelliert Le Temps:
„In den letzten Jahren hat sich Israel von Grund auf verändert: ein Land, das von einem Ministerpräsidenten regiert wird, gegen den vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt wird und das sich in einem offenen Kriegszustand mit zahlreichen Nachbarn in der Region befindet. … Zehntausende Israelis sind bereits aus diesem Land geflohen. ... Ein möglicher Abgang von Netanjahu würde sicher nicht ausreichen, um eine grundlegende Veränderung herbeizuführen, so dringend sie auch sein mag. Aber zumindest würde er es den Israelis vielleicht ermöglichen, ihren rasanten Sturz in den Abgrund zu stoppen.“
Militarisierung vergiftet den Wahlkampf
El Periódico de Catalunya befürchtet eine Verschlimmerung der Lage:
„In Israel stehen Wahlen an, bei gewohnter Zersplitterung des Parteienspektrums. ... Heute herrscht eine Militarisierung der Geisteshaltung vor, die Vorstellung, dass die erste Niederlage die Israelis ins Meer treibt. Sie vergiftet die Wahlkampfslogans – bei einer erschöpften palästinensischen Gesellschaft, einer unkontrollierten Energiekrise und der Ungewissheit, die über der gesamten Region von Ägypten bis zum Iran liegt. ... Die ohnehin schon vergiftete Atmosphäre könnte sich noch verschlechtern, wenn das Wahlergebnis eine Regierungsbildung zwischen unvereinbaren Parteien erschwert. Es könnte alles noch schlimmer werden.“
Aufschrei der Strenggläubigen
Laut Kronen Zeitung schlägt gerade die Zwangsrekrutierung ultraorthodoxer Juden hohe Wellen:
„Knapp eine Woche vor den Wahlen platzte eine Wahlkampfbombe, die die Leidenschaften hochgehen lässt wie kaum eine andere Frage: die Privilegien der Ultraorthodoxen (genannt Haredim), besonders wenn es um die Wehrpflicht geht. Israel ist im Krieg und die Soldaten sind knapp. Jetzt hat die Armee ein Exempel statuiert. Sie fing am Flughafen Tel Aviv ein Flugzeug aus New York mit heimkehrenden jugendlichen Haredim ab. Draußen warteten zwei Autobusse: rechts die Fahrt zur Uniformausgabe, links die Fahrt ins Militärgefängnis. Was folgte, war ein Aufschrei der Haredim. Ihre Parteien erpressen seit Jahren als begehrte Koalitionspartner teure Privilegien. ... Die Haredim sind im wahrsten Sinne zu einer Glaubensfrage geworden.“