Wie mächtig sind soziale Medien?

Ein vom US-Senat herausgegebener Bericht bestätigt Erkenntnisse der US-Sicherheitsbehörden, dass russische Akteure den US-Präsidentschaftswahlkampf mit Hilfe sozialer Medien zugunsten Donald Trumps beeinflusst haben. Auch bei der Mobilisierung der Gelbwesten-Proteste in Frankreich haben Facebook und Co. eine entscheidende Rolle gespielt.

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Corriere della Sera (IT) /

Wer lauter schreit, setzt sich durch

Soziale Netzwerke können für die repräsentative Demokratie zur Gefahr werden, warnt der Politikwissenschaftler Giovanni Belardelli in Corriere della Sera:

„Es entsteht eine Demokratie, die danach strebt, populäre Meinungen ohne Filter und ohne Mediation widerzuspiegeln. Eine Demokratie, in der Leadership - als Fähigkeit, kollektive Gefühle zu interpretieren, aber auch bei Bedarf zu ignorieren - von Followship ersetzt zu werden scheint, von der Tendenz, den Meinungen der Mehrheit passiv zu folgen. Noch dazu eine fragliche Mehrheit, die vielleicht nur von denjenigen gebildet wird, die lauter schreien können und mehr Zeit dazu haben.“

Rzeczpospolita (PL) /

Soziale Netzwerke werden Wahlen entscheiden

Vor der Parlamentswahl im kommenden Jahr sollten polnische Politiker einen Social-Media-Kurs belegen, rät Rzeczpospolita:

„Im Jahr 2019 wird es für Parteien und Politiker nicht ausreichen, Einfluss auf Medien zu nehmen. Sie müssen selbst zu Medien werden, die eigene Inhalte erstellen, Trends in den sozialen Medien erschaffen und auf Angriffe von Opponenten mit Gegenangriffen reagieren. Und das in großem Maßstab, regelmäßig, rund um die Uhr, mit Reaktionsfreudigkeit und einem Sinn für Themen, die die Gesellschaft interessieren. ... Im Jahr 2019 kann das darüber entscheiden, wer in Polen an die Macht kommt.“

Die Tageszeitung taz (DE) /

Vermittler für das Gute und Schlechte

Facebooks große Bedeutung bei der Entstehung sozialer Bewegungen sollte man in jedem Fall differenziert betrachten, meint die taz:

„Die Occupy Wall Street-Proteste und Gezi, Demonstrationen auf dem Maidan, für die Seebrücke und in Ferguson, der Völkermord an den Rohingya in Myanmar, die Wahlkampfmobilisierung von Trump und Duterte - bei all diesen und vielen anderen Ereignissen hat Facebook eine Rolle gespielt. Als Intermediär. Als Plattform, auf der sich Individuen vernetzen konnten. Als Ort, wo mobilisiert wurde. Und manipuliert. Gehetzt. Und informiert. For the Good, the Bad and the Ugly. Natürlich sind die Softwaresysteme von Facebook nicht neutral. ... Klar ist aber auch: Facebook nur dann zu kritisieren, wenn es eine Bewegung groß macht, die man für unerwünscht hält, ist zu schlicht.“

Le Figaro (FR) /

Soziale Netzwerke stärken die Unorganisierten

Segen und Fluch zugleich sind die sozialen Netzwerke für Präsident Macron, analysiert der US-Politologe Yascha Mounk in Le Figaro:

„Als Emmanuel Macron einfacher Minister war und eine politische Bewegung gründen wollte, deren Erfolg keineswegs sicher war, halfen ihm die digitalen Instrumente, auf Augenhöhe mit den traditionellen Parteien zu gelangen. Die digitale Welt hat es ihm erlaubt, Anhänger zu finden, Treffen zu organisieren und seinen Wahlkampf erfolgreich zu führen. Jetzt, wo er Präsident ist und über sämtliche Machtattribute verfügt, die mit dieser Funktion einhergehen, stärken die sozialen Netzwerke entsprechend die Position seiner Gegner: So wie er seinen Präsidentschaftswahlkampf ohne traditionelle Partei hat führen können, so ist es diesen möglich, große Demonstrationen ohne die Hilfe traditioneller Organisationen wie beispielsweise der Gewerkschaften zu organisieren.“

La Stampa (IT) /

Informationsflut mobilisiert die Massen

Soziale Netzwerke können zwar eine große Rolle bei der Entstehung von Protestbewegungen spielen, doch ob diese auch nachhaltig sind, stellt die Philosophin Francesca Sforza in La Stampa infrage:

„Gerade die Präsenz des Digitalen in unserem Leben ist eine Ursache für diesen neuen Aktionismus. Denn in einem Alltag, der von der Zeit geprägt ist, die wir vor unserem Smartphone verbringen, wird unsere Wahrnehmung der Realität zwangsläufig durch die digitale Erfahrung gefiltert. … Die Menge der Botschaften und Reize, die bei jedem einzelnen ankommt, erweist sich in der Summe als geeignet, Massen zu mobilisieren. Es besteht jedoch die Gefahr, dass solche Bewegungen zwar Ergebnisse von großer Wirkung erzielen, jedoch an der Oberfläche bleiben, ohne in die Tiefe der Zivilgesellschaft zu gehen.“