Trauer um Danzigs Bürgermeister

Nach der tödlichen Messerattacke auf den Bürgermeister von Danzig, Paweł Adamowicz, haben Zehntausende Menschen in Polens Städten mit Schweigemärschen gegen politischen Hass protestiert. Am Sonntag hatte ein Mann auf der Bühne einer Spendengala mehrmals auf Adamowicz eingestochen.

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Rzeczpospolita (PL) /

Adamowiczs Tod wird umsonst gewesen sein

Polen wird nichts aus dem brutalen Verbrechen lernen, bedauert Rzeczpospolita:

„Paweł Adamowiczs Tod müsste eigentlich die polnische Politik verändern. Aber: Der polnisch-polnische Krieg ist vorteilhaft für die Parteien PiS und PO. Beide Gruppen nähren sich von der Polarisierung der Gesellschaft. Machen wir uns nichts vor: Paweł Adamowiczs Opfer wird umsonst gewesen sein. Unmittelbar nach der Beerdigung wird der politische Streit mit doppelter Gewalt zurückkehren. Autoren werden sich mit anklagenden Kommentaren gegenseitig übertreffen, und Politiker werden die Debatte mit jedem Monat des Wahlkampfjahres weiter benutzen. Vor uns liegen immerhin die Europawahl, die Parlaments- und die Präsidentschaftswahl. Es wird keinen Frieden in Polen geben.“

Corriere della Sera (IT) /

Ein weiterer Märtyrer Europas

Paweł Adamowicz starb wie die britische Politikerin Jo Cox, bemerkt Kolumnist Goffredo Buccini in Corriere della Sera:

„Der Bürgermeister von Danzig glaubte an die Integration und an die offene Gesellschaft. Wie Jo Cox. Und wie sie starb er. … Die Pro-Europäer - aber es wäre angemessener alle Europäer zu sagen - haben einen weiteren Märtyrer. Wieder einmal im Vorfeld einer wichtigen Wahl. Im Juni 2016 war es die Labour-Politikerin Jo Cox, am Vorabend des Brexit-Referendums. Am Sonntag der liberale Paweł Bogdan Adamowicz, vier Monate vor der Europawahl, die immer mehr zu einer Art Jüngstem Gericht ausartet.“

Polityka (PL) /

Warnsignal für alle Wähler

Der Tod Adamowiczs möge die Europäer aufrütteln, hofft die Journalistin Danuta Hübner auf ihrem Blog bei Polityka:

„Hassrede und Hetze gegen liberale Werte sind nicht nur Angelegenheiten der polnischen Bevölkerung. Wir beobachten eine zunehmende Unterstützung für populistische Kräfte. Jeder vierte Wähler in Europa stimmt für solche Parteien. ... In einigen Monaten werden wir unsere Vertreter im Europaparlament wählen. In Anbetracht dessen, was in Danzig passiert ist, sollten wir die Bedeutung unserer Wahlentscheidungen erkennen. Es ist unglaublich wichtig, dass wir Vertreter nach Brüssel schicken, die Europa vor der Zerstörung durch Frustration retten können. Lassen Sie uns ein Europa und ein Polen schaffen, die frei sind von politischem Extremismus.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE) /

Schuld am Hass ist die PiS

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung zeigt sich selbst noch im Umgang mit dem Attentat, wie zerrissen das Land ist:

„Die rechte Regierung hat sich angesichts des gewaltsamen Todes eines ihrer prominentesten Kritiker zwar korrekt verhalten; doch mit der Forderung, den Mord nicht zu politisieren, versucht sie gleichzeitig, eine nötige Debatte über die Grenzen politischer Rhetorik zu unterbinden. Politiker aller Lager neigen in Polen seit langem zur Verwendung von blutigen Metaphern und Beleidigungen - und alle täten gut daran, sich in diesem Moment selbst zu prüfen. Aber dafür, dass der Hass in den vergangenen Jahren in der Auseinandersetzung überhandgenommen hat, gibt es eindeutig eine schuldige Seite: die Rechte um die Regierungspartei PiS.“

Nowoje Wremja (UA) /

Hate Speech hat Mord den Boden bereitet

Dass aus Hass irgendwann Gewalt entsteht, überrascht den Publizisten Alexandr Syntschenko in Nowoje Wremja nicht:

„All das war vorhersehbar. Bereits seit vier, fünf Jahren erzähle ich meinen Freunden, dass das Ausmaß verbaler Gewalt in Polen riesig ist. ... Was ist zu tun? Hate Speech darf nicht verharmlost werden. ... Ein schwaches Polen mit einer gespaltenen Gesellschaft ist für die Ukraine die schlechteste Variante. Es ist für alle schlecht, wenn in Polen diejenigen stärker werden, die in den vergangenen Jahren Hass geschürt haben oder diesen verharmlosen.“

wPolityce.pl (PL) /

Das war kein politischer Mord

Der Tod Adamowiczs sollte nicht politisch ausgeschlachtet werden, fordert der Journalist Konrad Kołodziejski auf dem nationalistischen Onlineportal wPolityce.pl:

„Ich habe gelesen, dass die Sicherheitsfirma während der Spendenveranstaltung in Danzig den Ablauf der Veranstaltung nicht einmal kannte. ... Kurz gesagt, die Sicherheitsleute reagierten nicht, weil sie den Angreifer mit dem Messer in der Hand wahrscheinlich für einen Teil der Show hielten. Alle sagen, der Mord an Paweł Adamowicz sei das Ergebnis einer Hasswelle. Vielleicht ist das so, aber in dem Sinne, dass Hass die Verrückten zum Verbrechen treibt. Ich würde es vorziehen, wenn die Verrückten ihren Wahnsinn nicht ausleben könnten. Ich befürchte jedoch, dass jede tiefere Überlegung wieder einmal von politischen Emotionen und kontraproduktivem Lärm übertönt wird.“

Frankfurter Rundschau (DE) /

Stich ins Herz der Demokratie

Der Hass des Täters kam nicht aus dem Nichts, gibt die Frankfurter Rundschau zu bedenken:

„Verbale Hassattacken gehören in Polen noch viel stärker zum politischen Alltag als in vielen anderen westlichen Demokratien. Es ist deshalb keineswegs übertrieben zu behaupten, dass eine Schreckenstat wie der Mord von Danzig in einem solchen Umfeld niemanden wundern sollte. Das aber heißt auch, dass die Stiche nicht nur den ebenso beliebten wie engagierten Bürgermeister ins Herz getroffen haben, sondern auch die Demokratie als solche.“

La Repubblica (IT) /

Gefährliche Zuspitzung der Debatte

Italiens Politiker sollten sich die Ereignisse in Polen zu Herzen nehmen, warnt der Experte für Geopolititk, Lucio Caracciolo, in La Repubblica:

„Die Ermordung von Adamowicz fordert uns auf, über den Zustand eines großen europäischen Landes nachzudenken, das sich in einer nationalistischen Spirale befindet. Das betrifft uns direkt. Noch nie zuvor waren sich Polen und Italien so nahe. Beide machen sich ein islamfeindliches Klima zunutze. ... Dies hat die führenden Politiker von Polen, Italien und Ungarn sogar veranlasst, eine Achse der Nationalisten zu errichten. ... Wenn die demokratische Debatte zu einem Kampf der Kulturen stilisiert wird, ist alles möglich. Sogar die heftige Entgleisung eines kranken Geistes, der empfindlich auf die Rhetorik der Verteufelung reagiert.“

Echo24 (CZ) /

Versöhnung ist notwendig

Polens Politik braucht jetzt dringend Selbstreflexion, erklärt Echo24:

„Die Spannungen zwischen der regierenden PiS und der oppositionellen Bürgerplattform sind in den vergangenen Monaten gewachsen. Der Anschlag lässt logischerweise Befürchtungen aufkommen, dass es zu ähnlichen Taten auch künftig kommen kann. ... Die polnische Demokratie ist auf das konservative Streben von PiS-Chef Jarosław Kaczyński nicht vorbereitet. Dessen radikale Reformen rufen ebenso radikalen Widerstand hervor. Anstelle normaler Diskussionen kommt es mehr und mehr zur Konfrontation. Der Anschlag von Danzig erinnert daran, wo eine solche Entwicklung enden kann. Trotz aller unterschiedlicher Interpretationen der Attacke müssen sich Liberale und Konservative in Selbstreflexion üben und fragen, wohin Polen geraten und ob eine Versöhnung möglich ist.“