Social-Media-Urteil: Was bedeutet Haftung für Sucht?
Tech-Konzerne können für die Sucht durch Social-Media-Nutzung haftbar gemacht werden: Auf Grundlage dieser Feststellung sprach ein US-Gericht einer 20-jährigen Klägerin eine Entschädigung in Millionenhöhe zu, die von Meta und Google gezahlt werden soll. Die Techgiganten wollen in Berufung gehen. Kommentatoren debattieren, ob jetzt ein grundsätzlich anderer Umgang mit Social Media bevorsteht.
Handlungsdruck für Konzerne steigt
Ilta-Sanomat hofft, dass die Tech-Unternehmen nun ihre Praxis ändern:
„Auf die großen Technologieunternehmen wartet bereits eine ganze Reihe neuer Gerichtsverfahren. Zu den Klägern gehören unter anderem Eltern, deren Kinder Selbstmord begangen haben, nachdem sie in den sozialen Medien Opfer sexuellen Missbrauchs oder von Mobbing geworden waren. Zweifellos wird auch die Debatte über die rechtliche Regulierung der Tech-Giganten an Fahrt gewinnen. … Die Probleme wären sehr viel geringer, wenn die Tech-Giganten mehr Verantwortung für die Inhalte ihrer Plattformen übernehmen und die Algorithmen ihrer Apps so anpassen würden, dass sie weniger süchtig machen. Hoffentlich werden die Unternehmen durch Gerichtsverfahren und den damit einhergehenden erheblichen Imageschaden dazu gebracht.“
Beginn einer neuen Ära
Das Urteil in den USA ist für Svenska Dagbladet ein Zeichen dafür, dass die fetten Jahre für diese Tech-Unternehmen nun vorbei sind:
„Nachdem diese Plattformen bisher ein selbstverständlicher Teil des Alltags vieler Jugendlicher waren, werden zumindest Eltern das Urteil wohl als Begründung zu nutzen versuchen, deren Nutzung einzuschränken. Einige Werbekunden könnten es vermeiden wollen, mit diesen Plattformen in Verbindung gebracht zu werden. ... Auch wenn es wohl zahlreiche Berufungen geben wird, bevor endgültige Urteile vorliegen, markiert der Fall der 20-jährigen Frau einen klaren Wendepunkt. Es könnte sein, dass die sozialen Medien ihren Höhepunkt erreicht haben – und nun ein Abstieg beginnt. Nicht jeder wird Tiktok sofort von seinem Handy löschen, aber es bricht eine neue Ära an.“
Die Täter wussten, was sie taten
Psychotherapeut Alberto Pellai schreibt in Avvenire:
„Der Prozess kam nicht nur ins Rollen, weil Eltern eine Bewertung der Mitverantwortung sozialer Medien für die psychischen Probleme ihrer Kinder forderten (einige von ihnen begingen Suizid, nachdem sie ein Profil in sozialen Medien angelegt hatten), sondern auch, weil zahlreiche interne Firmendokumente entdeckt wurden, die belegen, dass die Führungskräfte sich der Gesundheitsrisiken durchaus bewusst waren. ... Anstatt präventive und korrigierende Maßnahmen zum Schutz Minderjähriger zu entwickeln, erhöhte das Unternehmen das Risiko sogar, indem es soziale Medien wissentlich und gezielt mit süchtig machenden Inhalten füllte, ohne die Nutzer vor den Risiken zu warnen.“
Countdown für die Like-Giganten hat begonnen
Die Branche ist angezählt, glaubt Trends-Tendances:
„Werden diese Unternehmen dazu gezwungen, ihre Apps tiefgreifend zu verändern, gerät ihr gesamtes Wirtschaftsmodell ins Wanken. Denn unsere Aufmerksamkeit ist ihr Rohstoff. Wenn Sie vor dem Schlafengehen 30 Minuten scrollen, wird Ihr Gehirn gewissermaßen zerstückelt und an Werbekunden verkauft. Jede Scroll-Minute weniger ist eine Werbeminute weniger. Und Werbung ist praktisch alles, was sie verkaufen. Die Tabakriesen sind 20 Jahre lang in Berufung gegangen. Letztlich wurden sie in die Knie gezwungen, denn sie mussten horrende Bußgelder zahlen und ihre Packungen mit Warnhinweisen zur Gesundheitsschädigung versehen. Der Countdown für die Like-Giganten hat begonnen.“
Der Kampf muss auch zu Hause gewonnen werden
El País findet, die Tech-Giganten sind nicht alleine schuld:
„Das betrifft uns alle, doch wir ignorieren es, weil Millionen von uns täglich soziale Medien nutzen und selbst süchtig sind. … Es wird schon länger darüber diskutiert, wie soziale Medien Minderjährige beeinflussen und wie wir sie vor den bösen 'Tech-Oligarchen' schützen können. Vielleicht sollten wir zugeben, dass auch wir Erwachsenen die Kontrolle verloren haben und versuchen sollten, endlich mal vom Handy aufzuschauen. ... Der Kampf gegen Apps wird nicht nur vor Gericht gewonnen, sondern auch zu Hause geführt.“
Das Urteil könnte schnell viral gehen
The Economist hofft, dass die Entscheidung zum Präzedenzfall wird:
„Einige Anwälte haben die Klagen mit den Verfahren gegen die Tabakindustrie vor einigen Jahrzehnten verglichen, die schließlich zu einer umfassenden Regulierung der Branche führten. Amerika ist nicht der einzige Ort, an dem Social-Media-Apps verstärkt ins Visier genommen werden. ... Eine im vergangenen Jahr vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos in 30 Ländern durchgeführte Studie fragte nach, ob Kinder unter 14 Jahren von sozialen Medien ausgeschlossen werden sollten – und stellte fest, dass sich in jedem einzelnen Land eine Mehrheit dafür aussprach. Das Urteil in Kalifornien könnte bald viral gehen.“
Toxische Fehlentwicklung umkehren
Eine Kurskorrektur wäre möglich, so Corriere della Sera:
„Dies ist das Ende der Ära algorithmischer Toxizität. Soziale Medien waren schließlich nicht immer so: In der Anfangszeit waren Facebook, Instagram, Youtube und Twitter nicht darauf ausgelegt, Sucht zu erzeugen, indem sie Inhalte potenzieren, die unsere Schwächen und dunkelsten Seiten ausnutzen. Engagement-Algorithmen wurden vor einem Jahrzehnt eingeführt. Und die Entwicklung hat sich mit dem Aufkommen von Tiktok noch beschleunigt. Dieser Wandel hat wirtschaftliche Imperien entstehen lassen, aber dabei den Populismus gestärkt und Demokratien geschwächt. Zu den Hauptleidtragenden gehören jene junge Menschen und Kinder, die manch ein Wissenschaftler schon als 'Generation Angst' [Jonathan Haidt, 2024] bezeichnet.“
Architekten sind für geschaffene Räume verantwortlich
The Independent reflektiert:
„Jahrelang sind Meta und andere Unternehmen damit durchkommen, sich als Schöpfer eines ungezügelten Marktplatzes darzustellen. Sie stellten – so ihr Argument – nur den Raum zur Verfügung. Entsprechend sei es nicht ihre Schuld, wenn manche diesen nutzten, um andere zu schikanieren, zu missbrauchen oder zu täuschen. Jeder gute Architekt weiß allerdings, dass das Erbaute auch das Verhalten der Menschen darin prägt: Schlecht gestalteter Raum führt zu schlechtem Verhalten. Und noch wichtiger ist, was man bewusst unterlässt: Wer im Zentrum seiner Stadt ein riesiges, wirbelndes, bösartiges und unbekanntes Vakuum entstehen lässt, trägt auch eine gewisse Verantwortung, wenn Menschen hineingezogen werden.“