Abzug von US-Militär: Leere Drohung oder Ernstfall?
Donald Trump hat angekündigt, die Präsenz der in Deutschland stationierten US-Truppen zurückzufahren. Zunächst konkretisierte Verteidigungsminister Pete Hegseth den Abzug auf 5.000 Soldaten. Anschließend legte der US-Präsident nach: Man werde die Zahl "noch deutlich stärker reduzieren". Die Ankündigung erfolgte, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz Kritik an Washingtons Strategie im Iran-Krieg geäußert hatte.
Nebenwirkungen, die man wohl aushalten muss
Der Standard sieht eine Tendenz:
„Nach Emmanuel Macron und Giorgia Meloni ist mit Friedrich Merz der nächste europäische Regierungschef bei Donald Trump in Ungnade gefallen. Mit der Ankündigung, mehr als 5000 US-Soldaten abzuziehen, will der US-Präsident den deutschen Kanzler dafür bestrafen, dass dieser ihn für seinen Irankrieg kritisiert hat. Der von Trump so planlos geführte Krieg in Nahost sorgt dafür, dass ein europäisches Mantra immer seltener eingehalten wird: Man stelle sich mit dem US-Präsidenten gut, schmeichle ihm, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt. Europa pfeift mittlerweile aber mehr und mehr auf die Impulsivität des Mannes im Weißen Haus. Das ist gut, hat aber seine Nebenwirkungen.“
Ruhe bewahren, aber zügig reagieren
The Independent ermahnt die Europäer zum Handeln:
„Ein Abzug der US-Streitkräfte aus Europa – sollte Donald Trump dies tatsächlich in Erwägung ziehen – wäre nichts weniger als der Wegfall eines der zentralen Pfeiler der Nachkriegsordnung, die seit 1945 Bestand hat. Vertreter aus Deutschland und der Nato bemühen sich derzeit um 'Klarheit' aus Washington. ... Bis dahin ist es für die Europäer wohl am klügsten, die Ruhe zu bewahren und ihre Pläne für ein Verteidigungssystem voranzutreiben, das weniger von den Vereinigten Staaten abhängig ist – und das so zügig und harmonisch wie nur irgend möglich.“
Jetzt schlägt die Stunde Europas
Der ehemalige EU-Kommissar Paolo Gentiloni fordert die EU in La Repubblica auf, das Heft in die Hand zu nehmen:
„Es gibt wenig zu beschönigen. Der angekündigte Abzug der amerikanischen Truppen aus Deutschland und vielleicht auch aus Italien und Spanien mag ein symbolischer Akt sein, doch ist Abschreckung auch ein Spiel mit Symbolen. Und wenn Trump die Nato als 'Papiertiger' verspottet, als wäre sie eine lästige multilaterale Organisation und nicht ein mächtiges Militärbündnis, das gerade von den USA dominiert wird, sind die Europäer gezwungen zu reagieren. ... Sicherlich nicht, um zur Zersetzung des Bündnisses beizutragen, sondern um unsere Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen. ... Die Zeit, als die Amerikaner die Führung innehatten, wird nie wiederkommen: Nostalgie ist keine Strategie.“
Fast schon eine Einladung an den Kreml
Die Süddeutsche Zeitung ist alarmiert:
„5000 GIs weniger in Deutschland, das mag verschmerzbar klingen. ... Aber offenbar ist von Trumps Entscheidung auch eine US-Artillerieeinheit betroffen, die über weitreichende Raketen und Marschflugkörper verfügt. Sie sollte, so hatten es 2024 Kanzler Olaf Scholz und US-Präsident Joe Biden vereinbart, in diesem Herbst nach Deutschland kommen. Das war explizit als eine Botschaft transatlantischer Stärke in Richtung Kreml gedacht, als ein handfestes Signal der Abschreckung. ... Dass Trump nun die geplante Verlegung ausgerechnet dieser Einheit stoppen lässt, nachdem er zuvor mal wieder eine Stunde mit Putin telefoniert hat, könnte man – wäre man Pessimist – fast schon als Einladung an den Kreml interpretieren.“
Hoffentlich kommt Putin nicht auf dumme Gedanken
Kolumnist Pierre Haski analysiert in France Inter:
„Der Abzug eines Teils der 35.000 noch in Deutschland stationierten US-Soldaten würde die Realität der europäischen Sicherheit nicht ändern. ... Deutschland hat einen historisch großen Verteidigungshaushalt angekündigt und bereitet sich wie die anderen Europäer auf ein Leben ohne die USA vor. ... Die wahre Gefahr geht von Wladimir Putin aus, der das Erkalten der transatlantischen Beziehungen als Ermunterung interpretieren könnte, die Entschlossenheit der Europäer zu testen.“
US-Kongress wird das kaum zulassen
Einen umfassenden Truppenabzug hält Público für unwahrscheinlich:
„Die Drohungen von Trump werden allmählich nicht mehr allzu ernst genommen. Wenn der Präsident ankündigt, die 37.000 in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten abzuziehen, ist die Drohung zwar real, doch ihre Umsetzung würde Jahre dauern. Von der amerikanischen Basis in Ramstein, der größten auf dem Kontinent, koordinieren die US-Streitkräfte einen Teil ihrer Operationen am Golf. Von den Militärstützpunkten in Europa aus können die USA zudem ihre Macht in den Nahen Osten oder nach Afrika projizieren. Es wäre ein gewaltiges Eigentor, das der Kongress selbst wahrscheinlich nicht genehmigen würde.“
Dilettantismus und Überheblichkeit
Trumps Drohungen sind für De Volkskrant ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr die USA sich isolieren:
„Im Machtkampf bringen die Iraner jahrzehntelanges Wissen und diplomatische Erfahrung mit, während in Washington Dilettantismus und Überheblichkeit Hochkonjunktur haben. Dass die USA sich damit auf der Weltbühne völlig unglaubwürdig und unzuverlässig machen, wollen Trump und seine Leute noch nicht wahrhaben. Doch global gesehen ist die Isolation der USA bereits in Gang gesetzt worden. In Europa hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Abhängigkeit von den USA abgebaut und neue Bündnisse geschlossen werden müssen.“