Kommt es zur Wende im Ukraine-Krieg?
Spätestens nach der abgespeckten Militärparade am 9. Mai mehren sich die Stimmen, die von einem geschwächten Russland sprechen. Putins Rückhalt in der Bevölkerung scheint abzunehmen und die militärische Lage im Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich offenbar verschlechtert. Die Ukraine überzog die Region Moskau am Wochenende mit heftigen Drohnenangriffen auf Industrieanlagen und Öl-Infrastruktur. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben.
Phänomenale Entwicklung
Kolumnist Pierre Haski analysiert in France Inter:
„Die Ukraine ist zu einer Industriegroßmacht für Drohnen geworden, indem sie jährlich mehrere Millionen in verschiedenen Ausführungen produziert. ... Kyjiw dürfte bald mit dem Export beginnen, was eine unglaubliche Wendung darstellt für ein Land, das von seinen Verbündeten permanent mehr Waffen forderte. … Die Unfähigkeit der russischen Luftabwehr, die ukrainischen Angriffe am Wochenende zu stoppen, hat den Krieg ins Leben der Einwohner Moskaus eintreten lassen, so wie er seit Jahren das Leben der Menschen in Kyjiw prägt. Für Putin ist das eine weitere Demütigung nach der Parade am 9. Mai, bei der diesmal aus Angst vor ukrainischen Drohnen auf Panzer verzichtet wurde.“
Auf Gewalt mit Gewalt antworten
Adéla Knapová, die für Novinky.cz aus der Ostukraine berichtet, beschreibt die Meinung vieler Ukrainer zu den Angriffen auf Russland:
„Auch im Osten des Landes – ich lebe seit zwei Jahren in Charkiw – stimmen die Einheimischen zu. Die Russen müssten ihre eigene Medizin schmecken, sagen sie. ... Russland versteht nur die Sprache der Gewalt, des Todes und der Aggression. Seit nunmehr fünf Jahren ermordet es gezielt ukrainische Zivilisten und greift weiterhin Kindergärten und Krankenhäuser an. Die Ukrainer hingegen nehmen ausschließlich legitime militärische und strategische Ziele ins Visier. Allerdings sind russische zivile Opfer zu erwarten. ... Die Russen müssen anfangen, um ihr Leben zu fürchten. Sie müssen selbst spüren, dass Putin sie belügt. Und dass es nicht möglich ist, andere ungestraft zu töten.“
Die Ukraine darf keine Zivilisten angreifen
Die Süddeutsche Zeitung mahnt:
„Sie [die Ukraine] darf sich den Invasoren, was Skrupellosigkeit und Brutalität gegenüber Zivilisten angeht, kein bisschen annähern. Damit könnte sie mehr verlieren als gewinnen – das Vertrauen ihrer Partner beispielsweise. Um den Krieg in den 'Heimathafen' zurückkehren zu lassen, wie Selenskij es ausgedrückt hat, braucht es keine Angriffe auf Wohnhäuser. Hunderte Drohnen im russischen Himmel, mittels Handyaufnahmen überall im Land zu sehen, reichen aus dafür – selbst wenn sie ausschließlich militärische Ziele anvisieren.“
Kyjiw hat die Trümpfe in der Hand
Der stellvertretende Redaktionsleiter von Delfi, Alo Raun, fordert flankierende Sanktionen:
„So überraschend das auch ist, wandern die 'Trümpfe' in diesem Krieg gerade zunehmend in die Hände der Ukraine. Möglicherweise handelt es sich sogar um einen kleinen Wendepunkt. Das bedeutet, dass wir die Ukraine ihre Sache sozusagen selbst regeln lassen müssen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass der Westen diese Entwicklung vermasselt. Stattdessen sollten die Sanktionen eher verschärft werden, anstatt Moskau dabei zu helfen, einen bequemen Ausweg zu finden. Den Frieden in der Ukraine will man im Westen allzu oft aus den falschen Gründen.“
Die Lage kippt, aber Putin merkt es nicht
Der Kremlchef hat die Verbindung zur Realität verloren, meint Expresso:
„Im Gegensatz zu Putin, der längst den Kontakt zur Bevölkerung seines Landes verloren hat und immer isolierter lebt, wissen die Mehrheit der Gesellschaft und ein Teil der russischen Elite nur zu gut, dass ein politischer Sieg in diesem Krieg praktisch unmöglich ist. … Putin steht vor dem großen Problem, gleichzeitig mit der militärischen Lage in der Ukraine und mit der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung in Russland umgehen zu müssen. Der russische Präsident mag sich nicht verändert haben, aber sein Land hat sich verändert. Und zwar sehr.“
Nun wird abgerechnet
In einem Facebook-Post erinnert sich Schriftsteller Viktor Schenderowitsch an einen Moment im Jahr 2014, als ihm beim Anblick einer Großmutter mit ihrem Enkel bewusst wurde, dass irgendwann unschuldige russische Bürger für die Untaten Russlands büßen würden:
„Jeder Einzelne tut mir leid, aber alle zusammen nicht. Ich hatte damals natürlich keine Ahnung, wie diese Vergeltung genau aussehen würde. Selbst jetzt, wo ich sehe, wie Russland langsam in Flammen aufgeht, kann ich mir das nur in groben Zügen vorstellen. ... Aber es ist glasklar: Die Vergeltung ist da. Und es handelt sich nicht mehr um theoretische Überlegungen. ... Je länger dieser Albtraum andauert, je mehr ukrainisches Blut diese Schurken noch vergießen können, desto teurer und schmerzhafter wird der Ausweg aus dieser blutigen Geschichte.“
Echte Verhandlungen nicht in Sicht
Die Moskau-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Silke Bigalke, sieht keine Anzeichen für eine Kehrtwendung:
„Putins Bedingungen ... haben sich nie geändert: Er ist erst zur Waffenruhe und zu weiteren Gesprächen bereit, wenn sich die ukrainischen Truppen aus den ukrainischen Regionen zurückziehen, die Putin für russisch erklärt hat. Putin hat nie klar definiert, was er als Sieg werten würde. Sollte er an seinen maximalen Forderungen festhalten und damit praktisch die politische Unterwerfung der Ukraine verlangen, wird bis zur Erschöpfung weitergekämpft und darüber hinaus. Für echte Verhandlungen bräuchte Putin einen pragmatischeren Ansatz. Der aber ist nirgends in Sicht.“