Präsidentschaftswahl: Wohin steuert Brasilien?
Am Sonntag stimmen die Brasilianerinnen und Brasilianer darüber ab, ob sie Luiz Inácio Lula da Silva für eine weitere Amtszeit als Präsident haben wollen. Sein stärkster Herausforderer ist der rechtsgerichtete Senator Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Wenn keiner der Kandidaten im ersten Wahlgang eine ausreichende Mehrheit bekommt, gibt es am 25. Oktober einen weiteren Urnengang.
Neue Bewährungsprobe für die Demokratie
El País setzt auf Lula:
„Angesichts einer Trump-Regierung, die ihre Beziehungen zu konservativen Regierungen und Bewegungen in Lateinamerika vertieft und die alte imperialistische Doktrin vom 'Hinterhof' wiederbelebt hat, ist Brasilien ein diplomatisches Gegengewicht ersten Ranges. ... Lula, ein Symbol des globalen Progressivismus, hat auf strategische Autonomie und Multilateralismus gesetzt – Prioritäten, die Bolsonaro junior zugunsten einer Anlehnung an Trump untergraben würde. Und über allem steht die Stärke einer Demokratie, die vor kaum vier Jahren eine Bewährungsprobe zu bestehen hatte, die sich nie wiederholen sollte. Brasilien bewies damals, dass seine Institutionen standhalten konnten. Diese Wahlen werden zeigen, welche Lehren das Land aus jener verhängnisvollen Erfahrung [des Putschversuches 2023] gezogen hat.“
Eine gewisse Nostalgie gegenüber der Diktatur
Der brasilianische Publizist und Unternehmer Aristóteles Drummond sieht in Sol einen Zusammhang zwischen Korruption und einem unkritischeren Umgang mit dem Erbe der Militärdiktatur:
„Die fünf Präsidenten dieser Zeit, allesamt hochrangige Militärs, standen nie im Verdacht, in Begünstigungen verwickelt zu sein. Kein Sohn bekleidete ein öffentliches Amt und/oder kandidierte für ein Mandat und konnte dabei lediglich seine Geburtsurkunde als Referenz vorweisen. Die Korruption war gering. Die drei Amtszeiten von Lula und die fast zwei Amtszeiten von Dilma sind für eine gewisse Nostalgie gegenüber dem Militär verantwortlich. ... Die Ablehnung der Korruption eint die Brasilianer.“
Die finstere Vergangenheit kehrt in milderer Form zurück
Cyprus Mail schreibt:
„Keiner von beiden [Bolsonaros] drückt es in der Öffentlichkeit genau so aus, doch beide Männer betrachten die brutale Militärdiktatur von 1964 bis 1985 als ein verlorenes goldenes Zeitalter. Jair diente ihr als Offizier im aktiven Dienst und hat ihre Folterer gelobt ('Der Fehler der Diktatur bestand darin, zu foltern, aber nicht zu töten'). Sein Sohn sagt: 'Es gab Sicherheit, es gab eine gute Gesundheitsversorgung und Bildung, es gab Respekt.' Nein, das gab es nicht. Es gab Terror, Lügen und legalisierte Plünderungen, aber darüber müssen wir hier nicht erneut streiten. Das Problem ist, wie schnell die Menschen vergessen, und dass überall in Lateinamerika eine mildere, sanftere Version dieser brutalen Regime die Oberhand gewinnt.“
Europa bangt mit
Beim Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Bolsonaro steht auch für Europa einiges auf dem Spiel, meint die Irish Times:
„Die Wahl wird in Europa mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Denn hier besteht die Sorge, dass eine Niederlage Lulas das wichtige regionale Handelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur gefährden und Brasilien zurück in Trumps politischen Einflussbereich ziehen könnte. Ein Sieg Lulas wiederum würde von Europas Sozialisten als wichtiges Zeichen für die Widerstandsfähigkeit der Linken auf einem Kontinent gewertet werden, der zunehmend von extrem rechten Politikern nach dem Vorbild Bolsonaros geprägt wird.“
Ergebnis könnte Folgen für das Weltklima haben
Der Standard sorgt sich um den brasilianischen Regenwald:
„Die größte Gefahr, die von einer Bolsonaro-Präsidentschaft ausgeht, betrifft den Amazonas-Regenwald, den wichtigsten CO2-Speicher der Erde. Unter seinem Vater hat die – meist illegale, aber geduldete – Abholzung um 75 Prozent zugenommen, unter Lula ging sie wieder deutlich zurück und sollte bis 2030 auf null sinken. In vier weiteren Jahren Bolsonaro-Herrschaft ist hingegen mit einem noch aggressiveren Kahlschlag als zuvor zu rechnen. ... Eine weitere Abholzung, verbunden mit steigenden globalen Temperaturen, könnte zwei Drittel des riesigen Regenwaldes in ein savannenähnliches Ökosystem verwandeln, warnt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einer aktuellen Studie. Die Auswirkungen auf das Weltklima wären katastrophal.“