Der schwedische Weg - Vorbild oder Sackgasse?

Angesichts markant gestiegener Fallzahlen erwägt die rot-grüne schwedische Minderheitsregierung härtere Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie. Bislang hatte die Regierung auf Appelle und Freiwilligkeit gesetzt. Grenzen und Grundschulen blieben offen, Ausgangsbeschränkungen gab es nicht, getestet wurden nur Schwerkranke. Kommentatoren fordern ein Ende der Gelassenheit.

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Expressen (SE) /

Zentral und zügig entscheiden

Insbesondere bei der Versorgung mit Medikamenten ist jetzt schnelles Handeln gefragt, appelliert Expressen:

„Als das Apothekenmonopol vor zehn Jahren abgeschafft wurde, entfiel die Aufgabe, die Versorgung mit Medikamenten zu garantieren. Gleichzeitig ist die Gesundheitsversorgung sehr dezentralisiert, Kommunen und Regionen sind für die eigene Krisenbereitschaft verantwortlich. Wie wir nun sehen, bringt dies Probleme mit sich. ... Nun wird [in einem von der Regierung bestellten Gutachten] vorgeschlagen, wieder staatliche Arzneimittellager einzurichten. ... Das muss schnell passieren. Besser rasch handeln und hinterher nachjustieren, als lange zu überlegen, wie man das System am besten gestaltet - während die Welt in Flammen steht.“

Aftonbladet (SE) /

Wir alle haben versagt

Politiker und Bevölkerung haben zugelassen, dass Schweden so schlecht auf Notlagen vorbereitet ist, bedauert Aftonbladet:

„Im Großraum Stockholm gibt es auch zu gewöhnlichen Zeiten zu wenig Intensivbetten. Das Gesundheitswesen ist bis auf die Knochen abgemagert. ... Die Feldlazarette der Streitkräfte sind imposant, aber es sind eben nur zwei. Wenn das Schlimmste eintreffen sollte, gibt es nicht genügend Schutzräume, keine Gasmasken, keine Medikamente, kein Personal, das entsprechend geübt ist. ... Die Krisenbereitschaft reflektiert ein kollektives Versagen: der Regierungen jeglicher Couleur, der öffentlichen Debatte insgesamt und von uns allen, die wir an dieser Debatte teilnehmen.“

Expressen (SE) /

Trügerisches Bild vom gallischen Dorf

Expressen warnt vor nationalem Hochmut:

Flüchtlingskrise, Terroranschläge, Bandenkriminalität - das schwedische Selbstwertgefühl hat in den letzten Jahren gelitten. Die Corona-Krise gibt nun altbekannter Selbstgerechtigkeit wieder Aufschwung. ... [Man ist stolz auf] eigenständige Behörden mit einer Armlänge Abstand zu übereifrigen Ministern. Nach diesem Narrativ trifft die Corona-Krise auf der ganzen industrialisierten Welt auf populistische Führer, die Grenzen und Schulen nur schließen, um Handlungskraft zu demonstrieren. Auf der ganzen? Nein! Ein kleines Land trotzt erfolgreich dem Populismus. ... Gewiss: Modelle, wonach sich Minister in Details einmischen können, haben Nachteile - in Israel und Ungarn sind die Gefahren eines Ausnahmezustands derzeit deutlich zu sehen. Aber: In einer Krisensituation ist es auch offenkundig von Vorteil, wenn die führenden Politiker Klartext reden.“

Upsala Nya Tidning (SE) /

Experten können Politiker nicht ersetzen

Upsala Nya Tidning erkennt in der Vorgehensweise des Landes demokratische Defizite:

„Wir müssen den Experten vertrauen, hieß es zuletzt immer wieder. Ständig betonen unsere Minister, dass die Regierung dem Rat der Behörden folge. Die Empfehlungen des Instituts für Volksgesundheit haben Gewicht. So weit, so gut, aber die politische Verantwortung muss dennoch bei den Volksvertretern liegen. ... Natürlich spielen die Experten eine wichtige Rolle in der Corona-Krise. Aber die ethischen, sozialen und ökonomische Erwägungen müssen der Politik obliegen. Diese Verantwortung kann nicht delegiert werden. Unsere Volksvertreter haben wir nicht umsonst.“