Europa blickt auf 75 Jahre Kriegsende

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland vor den alliierten Truppen. Der Zweite Weltkrieg und die nazistische Okkupation in Europa waren vorbei. Große Feiern - etwa die aufwändig geplante Militärparade in Moskau - sind dieses Jahr wegen Corona abgesagt; die Pandemie dominiert die Reflexionen über den Jahrestag aber nicht.

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nv.ua (UA) /

Russischer Chauvinismus

Die Schuld am Zweiten Weltkrieg ist nicht nur bei Deutschland zu suchen, meint Iryna Heraschtschenko, eine politische Weggefährtin des ukrainischen Ex-Präsidenten Petro Poroschenko, in nv.ua:

„Das Symbol des Tages [des 8. Mai] ist die rote Mohnblume, erinnert sie doch an jeden, der sein Leben verloren hat. ... Die Ideologie der chauvinistischen russischen Waffenshow ist: 'Wir können es noch einmal machen.' Da gibt es eine Parallele zu heute, zu den Versuchen, erneut die Welt aufzuteilen und Gebiete zu erobern. … Am Tag des Gedenkens und der Versöhnung erinnern wir uns, dass der Krieg mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt begonnen hatte. In diesem hatten zwei totalitäre Regime vereinbart, sich die Welt untereinander aufzuteilen. … Mein Dank gilt allen Ukrainern, die gegen zwei totalitäre Regime gekämpft haben.“

Lidové noviny (CZ) /

Mangelnde Bildung und Streitkultur

Der Jahrestag des Kriegsendes ist in einen Streit um die Geschichte ausgeartet, beklagt Lidové noviny:

„Natürlich muss man Geschichte diskutieren. Aber auf Grundlage von Fakten. Das Wissen darüber bei uns ist kläglich. Nur wenige selbst unserer Politiker können erklären, wer etwa die Wlassow-Armee war. Kaum einer könnte wenigstens ein paar Anführer des Prager Aufstandes 1945 namentlich nennen. Der Fehler liegt womöglich schon in unserer Kindheit. In den Schulen wird dem Zweiten Weltkrieg nicht allzu viel Zeit gewidmet. Das ist keine gute Basis. Solange sich das nicht ändert, werden wir weiterhin keine wirkliche Diskussion führen können, sondern nach wie vor die Geschichte verfälschen und ideologisieren.“

Der Tagesspiegel (DE) /

Gedenken statt feiern

Berlin hat den 8. Mai in diesem Jahr einmalig zum Feiertag erhoben. Stimmen mehren sich, die dies dauerhaft so haben wollen. Der Tagesspiegel findet jedoch, dass der Feiertag den Siegern des Zweiten Weltkriegs vorbehalten bleiben sollte:

„Ein Grund zum Feiern - für jene Nationen, die einen extrem hohen Preis dafür gezahlt haben, das von Deutschen geschaffene Nazi-Regime zu stürzen, für jene, die aus den Konzentrations- und Arbeitslagern befreit wurden und für alle Deutschen, die danach in einem freien Land leben durften. ... Wir sollten es [aber] dabei belassen, dass die Sieger den Tag feiern und die Deutschen sich in Demut daran erinnern, dass sie eben Täter waren; dass die meisten Deutschen den Nationalsozialismus mit zu verantworten und bis zuletzt mitgetragen haben. ... Ein Grund, warum der 8. Mai in Deutschland ein offizieller Gedenktag sein sollte - aber kein Feiertag.“

Avvenire (IT) /

Nationalismus und Populismus sind nicht besiegt

Demokratie und internationale Kooperation waren auch nach 1945 keine Selbstläufer, betont Historiker Agostino Giovagnoli in Avvenire:

„Nach dem Krieg gab es kein Klima der spontanen internationalen Solidarität. Die Italiener zum Beispiel distanzierten sich nicht von der faschistischen Mentalität und Grenzfragen wurden zu einem hoch emotionalen Thema. Das Volk, auch unser Volk, fand jedoch demokratisch gewählte herrschende Klassen, die die Verantwortung auf sich nahmen, zu führen: Nach dem Krieg waren es die herrschenden Klassen, die eine Welt des Friedens und der Zusammenarbeit planten und umsetzten, sogar gegen den Willen ihren eigenen Wähler. Hier ist die wichtigste Lektion für heute: Populisten und Demagogen sind die gefährlichsten Feinde des eigenen Volkes.“

Právo (CZ) /

Sowjetunion zahlte den höchsten Preis

Es war die UdSSR, an der sich die Deutschen die Zähne ausbissen, stellt Právo heraus:

„Der Preis für den Sieg und die Befreiung des Landes und anderer Völker Europas war aber schrecklich: 27 Millionen Sowjetbürger - Russen, Ukrainer, Weißrussen, Georgier und Angehörige anderer Nationalitäten - verloren ihr Leben. Vor Stalingrad entschied sich im Kampf Mann gegen Mann, ob die Tschechen dereinst nicht als deutsche Sklaven irgendwo hinter dem Ural enden würden. Auch Amerikaner und Briten waren sich sehr wohl bewusst, dass ohne den sowjetischen Sieg Hitler nicht die Rechnung hätte präsentiert werden können. Die sowjetischen Opfer bahnten letztlich auch den Weg zur europäischen Integration. Denn die grundlegende Bedingung dafür war die Beseitigung des deutschen Nazismus und Militarismus.“

Wedomosti (RU) /

Kreml schlachtet Krieg für Propaganda aus

Wedomosti wirft der heutigen russischen Führung massive Vereinnahmung der Kriegsthematik für politische und propagandistische Zwecke vor:

„Nur in Russland wird den Zeitgenossen das Bild einer immer siegreichen, makellosen Staatsmacht aufgedrängt, die weise Entscheidungen trifft, sich äußerem Druck nicht beugt und die nationalen Interessen schützt. Doch bei so einem Verständnis des Großen Vaterländischen Kriegs hat der Staat kein Interesse an einer detaillierten und objektiven Geschichtsanalyse - er braucht die Reanimation alter und die Schaffung neuer Mythen über den Krieg, um das soziale Bewusstsein zu manipulieren: So soll die Heimtücke des Westens und der Nachbarn gegenüber der Sowjetunion bekräftigt werden - wobei letztere kaum mehr von Russland unterscheidbar ist.“

Deutsche Welle (BG) /

Rote Armee brachte keine Freiheit - bei allem Respekt

Für Osteuropa ist der 8. Mai ambivalent, schreibt Politologe Iwan Krastew für den bulgarischen Dienst der Deutschen Welle:

„Millionen Sowjetmenschen sind in den Kämpfen um die Verdrängung der Nazis aus Osteuropa gestorben. Doch sie geben Moskau nicht das Recht zu entscheiden, wann die Länder Osteuropas ihre Befreiung zu feiern haben. Das Selbstopfer der sowjetischen Soldaten verdient Respekt und jeder Versuch, die Rolle der Sowjetunion im Sieg gegen Hitler kleinzureden, ist gleichbedeutend mit historischem Revisionismus. Dennoch können die Denkmäler sowjetischer Marschälle und Panzer in Osteuropa nicht Freiheitsdenkmäler sein - einfach, weil sie es für die Gesellschaften Osteuropas nicht sind.“

The Conversation France (FR) /

Verabschiedet sich Österreich vom Opferdiskurs?

Die von einem Teil der Österreicher verweigerte Vergangenheitsbewältigung hat die Machteroberung der rechtsextremen FPÖ mit ermöglicht, doch nun könnte sich der Diskurs ändern, glaubt Historiker Thomas Serrier in The Conversation France:

„Sebastian Kurz (ÖVP) ist seit 2017 Kanzler und ein Monster des Opportunismus. Als jüngster Regierungschef Europas ist er derzeit zusammen mit den Grünen an der Macht, nachdem er eine Zeit lang eine blau-schwarze Koalition geführt hatte, die Konservative und Rechtspopulisten vereinte. Bundespräsident ist seit 2017 der Grüne Alexander van der Bellen. Diese Konstellation könnte es mit sich bringen, dass der so lange Zeit strategische Opferdiskurs an Bedeutung verlieren könnte, zumal Kurz durch sein Corona-Krisenmanagement und die aktuellen Fehler der FPÖ-Populisten zu seiner Rechten nicht viel zu befürchten hat.“