Trump will Grönland: Ist Europa machtlos?
Nachdem US-Präsident Trump erneut Anspruch auf Grönland erhoben hat, haben mehrere europäische Staats- und Regierungschefs ihm widersprochen. "Es ist allein Sache Dänemarks und Grönlands, über Angelegenheiten zu entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Spanien, Großbritannien und Dänemark. Kommentatoren werfen einen kritischen Blick auf Europas Handlungsspielräume.
Mentalität eines sanftmütigen Pflanzenfressers
Europa droht in der neuen räuberischen Weltordnung selbst zur Beute zu werden, warnt der Politologe Gintas Karalius in LRT:
„Der allegorische Vorschlag, Europa solle aggressiver auftreten und strategisch wichtige Einflusssphären stärker beanspruchen, wird zwar gelegentlich geäußert, findet bei politischen Entscheidungsträgern jedoch kaum Anklang. Ein Grund dafür ist die eigentümliche Mentalität eines sanftmütigen Pflanzenfressers, der keine Machtprojektion zulässt. Ein konkretes Beispiel: Kein europäischer Politiker würde offen erklären, dass Grönland nicht nur Dänemarks Sache oder eine Frage internationaler Normen ist, sondern auch eine gesamteuropäische Interessenszone, die verteidigt werden muss. Diese kommunikativen Schwächen ermutigen potenzielle Aggressoren.“
US-Präsident hat Schwachstellen gefunden
Das Begehren der USA macht auch deutlich, was in der Vergangenheit von Dänemark in Grönland versäumt wurde, schreibt Jyllands-Posten:
„Es geht nicht um Sicherheit. Es geht um Geschäfte und Macht. Die Amerikaner können morgen all ihre militärische Ausrüstung nach Grönland verlegen, wenn sie wollen. Das Abkommen von 1951 gibt ihnen die Freiheit dazu, aber das erwähnt Trump mit keinem Wort. Das reicht ihm nicht. Stattdessen versucht er, einen Keil zwischen die Grönländer und die Dänen zu treiben, weil sein besonderes Verhandlungstalent vor allem darauf ausgerichtet ist, Schwachstellen zu finden. Nein, die Beziehung zwischen Grönland und Dänemark – und den beiden Bevölkerungen – war nicht immer einfach. ... Zudem haben es wechselnde Regierungen versäumt, die Verteidigung Grönlands aufrechtzuerhalten, in der Überzeugung, dass dies eine Aufgabe der Amerikaner sei.“
Niemand würde helfen
Financial Times nennt Gründe, warum man Trumps Drohungen ernst nehmen sollte:
„Erstens, weil es einfach wäre. Ähnlich wie bei der 'Operation Absolute Resolve' in Venezuela könnte Trump Grönland bequem vom Lagezentrum aus annektieren. ... Das würde ein oder zwei Stunden dauern und keine Verluste auf US-Seite mit sich bringen. ... Widerstand der Dänen gegen die Supermacht wäre Selbstmord. Zweitens wäre es lukrativ. ... Außerdem würde die Eroberung Grönlands bei den Maga-Ideologen gut ankommen, da sie die Nato mit einem Schlag zerstören würde. Dänemark könnte sich auf Artikel V berufen, wonach ein Angriff auf einen Mitgliedstaat ein Angriff auf alle Mitgliedstaaten ist. Da Amerika die Nato anführt, wäre der Vertrag hinfällig. Kein Verbündeter würde Dänemark zu Hilfe kommen.“
Annexionsdrohung als Verhandlungstaktik
Die USA drohen, um Dänemark und Europa zum Handeln zu bringen, meint der Gründer des Zentrums für fortgeschrittene Strategien und Technologieinnovations-Cluster Inventikus, Cătălin Buciumeanu, auf der Webseite von Adevărul:
„Von einer Annexion zu sprechen, bietet in den künftigen Verhandlungen maximalen Handlungsspielraum. ... Wenn man eine 'Annexion' ins Spiel bringt, kann man später massive Zugeständnisse machen, ohne den Eindruck zu erwecken, eingeknickt zu sein. Gleichzeitig erzeugt man damit einen Ausnahmezustand unter den Verbündeten. Man versetzt ihnen einen kleinen Stromschlag. Dänemark und die EU müssen beweisen, dass sie Grönland sichern und entwickeln können, ohne dass es hier zu einem Vakuum kommt, das Rivalen nutzen könnten. Die offiziellen Reaktionen zeigen, dass dieser Ausnahmezustand auf politischer Ebene bereits besteht.“
Todesstoß für die internationale Ordnung
Kolumnist Pierre Haski warnt in France Inter vor vielen neuen globalen Unsicherheiten:
„Angesichts eines beflügelten und ungehemmten US-Präsidenten muss die ganze Welt ihre Pläne überdenken. ... Welche Schlussfolgerungen sollte Xi Jinping daraus ziehen? Sicherlich nicht, dass der Weg nach Taiwan frei ist: Was Amerika in seinem Hinterhof tut, würde es in Asien nicht unbedingt zulassen. Die Lehre dürfte vielmehr sein, dass China für eine Konfrontation noch nicht bereit ist und weiter aufrüsten muss. ... Trump hat der aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangenen internationalen Ordnung den Todesstoß versetzt. ... Wie es weitergeht, bleibt offen – doch friedlich oder gerecht wird es nicht sein.“
Der ultimative Test für Europa
Nun wird sich zeigen, ob Europa bereit ist, seine Souveränität zu verteidigen, urteilt Le Figaro:
„Wenn Kolumbien oder der Iran sich ihm widersetzen, könnte Donald Trump Grönland als leichte Beute betrachten: 56.000 unglückliche Einwohner, die auf einer Eiswüste isoliert sind, die viermal so groß ist wie Frankreich. Die Souveränität Dänemarks? Ein gefügiger Verbündeter, der mit amerikanischen Waffen ausgerüstet ist, die er ohne die Zustimmung Washingtons nicht einsetzen darf. Die Herausforderung liegt also bei Europa. Bislang scheinen Macron, Starmer und Merz wegzuschauen, aber die Stunde der Wahrheit rückt näher: Nach den einseitigen Zöllen und der Unterwerfung der Nato steht Europa vor der ultimativen Bewährungsprobe.“
EU muss lernen, auch Trump abzuschrecken
Die Zeit erinnert an Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags:
„Darin steht, dass 'im Fall eines Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates die anderen Mitgliedstaaten verpflichtet sind, ihm mit allen in ihrer Macht stehenden Mitteln zu helfen und ihn zu unterstützen'. Um diesen Artikel mit Leben zu füllen, könnten die Verteidigungsminister der größten Mitgliedsländer der Union sich dieser Tage nach Kopenhagen aufmachen und in größtmöglicher Konkretion darüber diskutieren, was denn Dänemark im Fall des Falles für Beistand bräuchte – und es zur Verfügung stellen. ... Wir sind in das Zeitalter des Neoimperialismus eingetreten. Bisher musste die EU in erster Linie den russischen Imperialisten Wladimir Putin abschrecken. Jetzt muss sie eiligst lernen, auch den Imperialisten Donald Trump abzuschrecken.“
Nachahmer dürfen sich ermutigt fühlen
Politologe Sergej Medwedew fürchtet auf Facebook weitere territoriale Übergriffe – nicht nur seitens der USA:
„Vor einem Jahr haben wir noch über den 'Gulf of America' und die Forderung, Grönland und den Panamakanal abzutreten, gelacht. Aber jetzt ist es nicht mehr lustig. Es würde mich nicht wundern, wenn wir eines Morgens von einer amerikanischen Landung in Grönland lesen würden (Dänemark hat bereits offiziell Protest gegen die ständigen Äußerungen von Trumps Beratern eingelegt), von der Schaffung einer 'Sicherheitszone' auf mexikanischem Gebiet oder von amerikanischen Schlachtschiffen im Panamakanal. Doch die Hauptfolgen werden sich nicht in Amerika zeigen, sondern weltweit, wo ähnliche Operationen kopiert und ausgedehnt werden. Willkommen im neuen Weltkriegsjahr.“
Verbündete innerhalb der USA finden
Berlingske fordert die dänische Regierung zum Handeln auf:
„Dänemark kann daran arbeiten, stärkere Verbindungen zum US-Kongress aufzubauen, der unter der Trump-Administration Version II zwar völlig zahnlos erscheint. Aber eine Koalition aus wenigen Republikanern und Demokraten könnte durchaus eine Mehrheit bilden, die es Trump erschweren würde, gegen Grönland und Dänemark vorzugehen. Schließlich sollten die grönländischen Politiker sich der Realität voll und ganz bewusst werden: Jetzt ist nicht die Zeit für weitere Diskussionen über die Unabhängigkeit. Jede Bewegung in diese Richtung erhöht die Gefahr, dass Trump dies ausnutzen könnte, um Dänemark und Grönland zu spalten.“
Arktischer Seeweg weckt Begehrlichkeiten
Seine Lage zwischen Arktischem Ozean und Nordatlantik rückt Grönland ins Zentrum eines globalen Machtspiels, erörtert La Repubblica:
„Dort, wo die globale Erwärmung neue Schifffahrtsrouten eröffnet. Die sagenumwobene 'Nordwestpassage', die den Welthandel beschleunigen und eine Abkürzung zwischen Asien und Europa schaffen könnte - etwas, das China seit Langem begehrt. So sehr, dass es 2018 sogar eine 'Polare Seidenstraße' ins Leben rief. ... Peking kündigt bereits an, den transarktischen Verkehr nach Russland ausweiten zu wollen, um Flüssigerdgas zu importieren. Diese Idee beunruhigt die Amerikaner (und sogar die Nato). Moskau unterhält in der Arktis Atomwaffenstützpunkte und U-Boote. Dies erhöht Grönlands potenzielle Rolle als strategischer Kontrollpunkt über diesen Korridor.“
Schweden muss Seltene Erden fördern
Wie Schweden Dänemark konkret unterstützen könnte, beschreibt Expressen:
„Donald Trump hat wiederholt erklärt, die USA müssten aus Sicherheitsgründen die Kontrolle über die Insel erlangen. Die Tatsache, dass die Gletscher die weltweit größten Vorkommen an Seltenen Erden verbergen, dürfte mindestens genauso viel Gewicht haben. 95 Prozent der heutigen Produktion finden in China statt - das auf Trumps Zölle mit einem Exportstopp reagierte. ... Wenn die Regierung den Druck auf Kopenhagen und Nuuk verringern will, gibt es eine konkrete Maßnahme, die sie ergreifen kann: Sie sollte [dem staatlichen Bergbauunternehmen] LKAB grünes Licht geben, mit dem Abbau der Per-Geijer-Lagerstätte in Kiruna zu beginnen, und dafür sorgen, dass diese Botschaft bis nach Washington vordringt. In Kiruna befindet sich eine der größten bekannten Lagerstätten für Seltene Erden in Europa.“