Der Westen nach Afghanistan: Nur Scherbenhaufen?

20 Jahre hat der Nato-Einsatz in Afghanistan gedauert. Nun gilt die Strategie eines militärisch gestützten Aufbaus demokratischer Staatlichkeit den meisten Experten als gescheitert. Mehr als 3.500 Soldatinnen und Soldaten der Nato und ihrer Verbündeten verloren am Hindukusch ihr Leben. Während einige Kommentatoren nur noch Lehren aus dem Scheitern ziehen wollen, sehen andere durchaus ein Zuviel an Selbstkritik.

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Le Soir (BE) /

Nato nur ein Deckmantel für US-Macht

Für Le Soir ist die Nato gestorben:

„Wer hat offiziell die Intervention beschlossen, Krieg geführt, Afghanistan besetzt? Die Nato. ... Aber hat die Nato ein Mandat erteilt, mit den Taliban zu verhandeln und ihnen das Land zu übergeben? Wurde die Organisation konsultiert? Hatten die Mitgliedsländer dieses Bündnisses ein Mitspracherecht? Nein! Die amerikanische Regierung hat alles alleine entschieden, beschlossen und umgesetzt. Es hätte nicht spektakulärer demonstriert werden können, dass die Nato nicht existiert und dieses Akronym nur ein Deckmantel für die amerikanische Macht ist.“

Expressen (SE) /

Selbstgeißelung führt nicht weiter

Übertriebene Selbstkritik übt der Westen in Augen von Expressen:

„Viele meinen, ein geordneter Rückzug wäre möglich gewesen - so dass die Regierungstruppen die Stellung halten und die Außenstehenden würdig hätten abziehen können. Aber das ist Wunschdenken. ... Natürlich hätte man im Lauf der Jahre vieles besser machen können. Eine ehrliche Auswertung des westlichen Einsatzes muss aber auch berücksichtigen, welche Alternativen es jeweils gab und wie die entsprechenden menschlichen Kosten ausgesehen hätten. Mit der ewigen Selbstgeißelung läuft man Gefahr, jenen Zynikern recht zu geben, die meinen, der Westen dürfe sich niemals in die 'inneren Angelegenheiten' anderer Länder einmischen - auch dann nicht, wenn es um Völkermord geht oder um die Bedrohung des Weltfriedens.“

Kathimerini (GR) /

Humanitäre EU muss autonomer auftreten

Giorgos Pagoulatos, Generaldirektor der Hellenic Foundation for European and Foreign Policy, sieht in Kathimerini trotz allem nicht nur schwarz:

„Die Niederlage in Afghanistan darf nicht dazu führen, dass die Tyrannen der Welt ihre Bürger ermorden, während die zivilisierte Welt höflich ein Auge zudrückt. Der Westen verfügt über mächtige politisch-militärische Instrumente. Offensichtlich ist Afghanistan ein weiterer Weckruf für die Europäische Union, ihre eigene strategische Autonomie sowohl innerhalb als auch außerhalb des Nato-Rahmens zu entwickeln. Erstaunlicherweise kann Europa bei aller Schwäche bereits einen wichtigen Beitrag leisten. Als weltweit größter humanitärer Geldgeber schützt es Millionen von Zivilisten in Gebieten, die von Kriegen, Hungersnöten und Katastrophen betroffen sind.“

T24 (TR) /

Auf die USA kann man sich nicht mehr verlassen

Die USA haben mit ihrem überstürzten Abzug aus Afghanistan international Vertrauen verspielt, kommentiert T24:

„Das Afghanistan-Fiasko wird bei den Kongress-Wahlen im kommenden Jahr keine Stimmverluste für Biden verursachen. Allerdings wird es weitreichende Folgen für die internationale Politik und insbesondere die regionale Politik der Türkei haben. Vor allem wird die EU aus Sorge, dass sie Biden nicht vertrauen kann und nach ihm sogar Trump oder jemand ähnliches zurückkehrt, vermehrt nach eigenen, neuen Verteidigungskonzepten suchen. ... Die Türkei wird diesen Prozess aus nächster Nähe beobachten.“

Corriere della Sera (IT) /

Bündnis hat ausgedient

Nun muss Europa zeigen, was es will und kann, mahnt Kolumnist Paolo Mieli in Corriere della Sera:

„Das Atlantische Bündnis verlor seine Hauptfunktion bereits vor zweiunddreißig Jahren mit dem Fall der Berliner Mauer. Seitdem hat es als militärische Struktur überlebt, die im Wesentlichen unter amerikanischer Führung steht und in der Lage ist, bei Krisen in jedem Winkel der Erde einzugreifen. Ein 'parasitäres' Europa war jedoch zu keiner Zeit bereit, seine Rolle zu spielen. Niemals. Nicht einmal bei den Bränden, die an seinen Grenzen ausgebrochen sind. ... Jetzt - nach einer Reihe von Niederlagen - ist klar: Die Nato wird (vielleicht) überleben. Aber wir werden keine Interventionen wie in der Vergangenheit mehr erleben. Jetzt werden wir sehen, was unser Kontinent zu leisten imstande ist.“

Diena (LV) /

Ohne europäische Armee geht es nicht

Die Ereignisse der letzten Wochen haben für Diena eins deutlich gemacht:

„Die übermäßige Abhängigkeit der EU von den Vereinigten Staaten in puncto Sicherheit kann für Europa plötzlich fatal werden. Die Europäer brauchen zumindest eigene internationale Streitkräfte, die auch ohne US-Beteiligung funktionsfähig und verlässlich sind. Vielleicht auch eine eigene europäische Armee. Gleichzeitig ist unklar, ob die EU mit ihren Nationalstaaten bereit ist, reale Schritte in diese Richtung zu gehen. Oder ob alle auf das nächste Afghanistan warten.“

Jutarnji list (HR) /

Was die EU aufhält

Warum das Ziel gemeinsamer EU-Streitkräfte nicht so leicht zu erreichen ist, erläutert Jutarnji list genauer:

„Die Idee ist genau so alt wie die Hindernisse auf dem Weg dorthin. ... Sie sind politischer Natur, denn einige EU-Mitglieder wollen die Nato nicht duplizieren, weil sie diese als Hauptpfeiler ihrer Sicherheit sehen, trotz der zu großen Abhängigkeit von den USA. Andere wollen keine, wie sie es nennen, 'Militarisierung der EU'. Was die finanziellen Hindernisse betrifft, so investieren die EU-Mitgliedstaaten einfach immer noch ungern in eine Stärkung des Militärs und müssen immer wieder von Washington daran erinnert werden. Was aus der Idee einer Gründung ernstzunehmender Streitkräfte der EU wird, hängt also ab vom politischen Willen der Mitgliedstaaten und vom Willen, diese zu bezahlen.“

Il Manifesto (IT) /

Die falsche Organisation am falschen Ort

Die Nato war sicher nicht der geeignete Akteur für die Demokratisierung Afghanistans, wettert Il Manifesto:

„Es wurde beschlossen, Afghanistan zu 'adoptieren' und eine ehrgeizige Operation zum Aufbau einer Nation einzuleiten. Zu diesem Zweck wandte man sich an die Nato, die 1949 als Atlantischer Pakt gegen die UdSSR gegründet worden war. Was hatte das mit Afghanistan zu tun, 5000 Kilometer vom Atlantik entfernt? Ein Teil der Wahrheit ist, dass die Nato nach dem Ende der UdSSR nicht wusste, wie sie sich recyceln sollte, und die neue Rolle, die ihr von Washington übertragen wurde, bereitwillig annahm: den Export von Demokratie. Nicht gerade eine geeignete Aufgabe für eine militärische Einrichtung.“

Magyar Hírlap (HU) /

Fokus auf Verteidigung richten

Die Nato muss zurück zu ihren Wurzeln, urteilt denn auch Magyar Hírlap:

„Der Zusammenbruch in Afghanistan und die internen Spannungen des westlichen Militärbündnisses verlangen nach Antworten. Es ist wohl kein Zufall, dass das Nato-Hauptquartier in Brüssel darauf drängt, zu den Gründungszielen der Organisation zurückzukehren: das heißt, man sollte sich statt auf Demokratiexport tatsächlich auf die Verteidigung fokussieren.“

Le Point (FR) /

Europa muss sein Schicksal selbst lenken

Das Desaster in Afghanistan könnte Europa zu gefährlichen Handlungen verleiten, warnt Le Point:

„Es könnte zum einen versuchen, die 'goldene Mitte' zwischen den USA auf der einen sowie China und Russland auf der anderen Seite zu besetzen. Dies würde bedeuten, dass es auf die Verteidigung seiner Werte verzichtet. Zum anderen könnte es glauben, dass das Militär keinen Nutzen mehr hat, da selbst die US-Armee angesichts eines islamistischen Aufstands scheitert. So würde es sich in Unterwerfung verrennen. In Anbetracht des derzeitigen Strebens der von Erdoğan, Putin und Xi angeführten revisionistischen Mächte nach einer neuen Weltordnung zu ihren Gunsten darf Europa den Kopf nicht länger in den Sand stecken und muss eine Nato aufbauen, die es ihm erlaubt, sein Schicksal selbst zu lenken.“

NRC Handelsblad (NL) /

Noch immer America First

Da die USA dabei bleiben, ihre Truppen zum 31. August aus Afghanistan abzuziehen, müssen auch die Evakuierungen der westlichen Partner bis dahin beendet sein. Dies ist eine bittere Erkenntnis, analysiert NRC Handelsblad:

„Die europäischen Partner dachten, dass Biden nach Präsident Trump ein ihnen verwandter Führer war. Sein Versprechen, Allianzen wieder aufzubauen, erweist sich aber bei der ersten großen ausländischen Krise als reine Kosmetik. ... Deutlich ist, dass nach acht Monaten Biden noch immer America First das Motto in Washington ist. Die unausgesprochene Frage ist, ob die Amerikaner bereit sind, in Zukunft ihren Verbündeten zu Hilfe zu eilen. Nicht nur innerhalb der Nato, sondern auch anderswo in der Welt. Das Auftreten der USA in Kabul ist nicht gerade beruhigend.“