Was zeigt der anhaltende Jugendprotest?
Am Wochenende sind erneut in mehreren europäischen Ländern Tausende – vorwiegend Jugendliche – auf die Straße gegangen, um für mehr Bildung, Teilhabe und ein bezahlbares Leben zu demonstrieren. Für den heutigen Donnerstag haben französische Gewerkschaften Streiks und Proteste angekündigt, denen sich Schüler und Studierende anschließen wollen. Kommentatoren beleuchten, warum die Protestwelle nicht abebbt.
Europas Werte verlieren an Glaubwürdigkeit
Yeni Akit sieht tiefliegende Ursachen für die Jugendproteste:
„Das Problem Europas beschränkt sich heute nicht auf Proteste und Zusammenstöße auf den Straßen und wirtschaftliche Nöte. Das eigentliche Problem ist, dass die Vorstellung von Wohlstand, Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und Sicherheit, die Europa seit Jahren verteidigt, in den Augen seiner eigenen Gesellschaften an Glaubwürdigkeit zu verlieren beginnt. ... Die Brände auf den Straßen lassen sich löschen, Demonstrationen auflösen, Sicherheitsmaßnahmen verschärfen. Doch solange die Hoffnung der Gesellschaft auf die Zukunft, ihre Erwartung an wirtschaftlichen Wohlstand und ihr Vertrauen in die Regierenden nicht wiederhergestellt sind, ist ein Ende dieser Krise nicht in Sicht.“
Neuer Klassenkampf
Der Protest weitet sich in mehrerer Hinsicht aus, beobachtet Mediapart:
„Die jungen Leute beschließen, nicht mehr um Erlaubnis zu fragen. ... Sie haben verstanden, dass sie eigenständig handeln müssen, weil ihnen die Beibehaltung der derzeitigen Welt nichts bringt. … Dies ist auch der Grund, warum die Bewegung sich in höchst unterschiedlichen Situationen ausbreiten kann: in reichen wie ärmeren Ländern, in liberalen Demokratien wie in illiberalen Regimen, in wachsenden wie in stagnierenden Volkswirtschaften. Denn überall geht die gleiche Zerstörung vonstatten: die von Solidarität, öffentlichem Dienst, Umwelt und letztlich der Zukunft. … Ein Generationenkampf hat sich zu einem Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals gewandelt. Er ist zu einem Klassenkampf geworden.“
Die Zeiten sind rauer geworden
Die Krawalle ändern für die taz nichts an der Legitimität der Wut der Jugendlichen:
„Vielfach dürften die brennenden Mülltonnen sogar eine Folge dieser Gewaltdebatte gewesen sein: ein trotziger Versuch zu zeigen, dass man sich eben nicht vorschreiben lässt, wie man zu demonstrieren hat. ... Es ist gut, dass sich nun zumindest Ansätze einer emanzipatorischen Gegenbewegung gegen die Gefühle von Hoffnungslosigkeit zeigen. ... Die Zeiten sind rauer geworden, und es ist absehbar, dass nur wenige Teile von Medien und Politik der Bewegung wohlwollend gegenüberstehen werden. Der Blick auf den Rest der Welt zeigt, dass 'Gen Z regelt' trotzdem etwas erreichen kann. Dafür muss die Bewegung aber Druck aufbauen – und darf sich nicht spalten lassen.“
Im Namen der Freiheit gegen die Freiheit
Die Proteste gefährden die Freiheit einer Mehrheit, warnt Le Figaro:
„Seit dem ersten Tag verwechselt diese Schülerbewegung das Recht zu demonstrieren mit dem Wunsch nach Zerstörung. … Die Freiheit zu lernen und zu lehren ist für viele Schüler, Studierende und Lehrer bereits nur noch eine ferne Erinnerung. Extrem kleine Minderheitengruppen behindern, schüchtern ein und bedrohen eine große Mehrheit junger Menschen, die diese entscheidenden Wochen nutzen wollen, um zu lernen, eigenständig zu denken und zu leben. Auch die Meinungsfreiheit wird von allen Seiten angegriffen. ... 'Keine Freiheit für die Feinde der Insoumis [der Partei LFI]': Das ist das Prinzip, das Jean-Luc Mélenchon noch vor den Präsidentschaftswahlen durchsetzen will. Dagegen müssen sich alle Demokraten zur Wehr setzen.“
Großer historischer Bezugspunkt
Das könnte der Beginn einer größeren Bewegung wie im Mai 1968 sein, glaubt France Inter:
„All diese Bewegungen sind nicht identisch, aber sie haben zweifellos eine Gemeinsamkeit: Es ist eine sehr generationsspezifische Wut. Die Jugendlichen werfen den Älteren vor, das System ausgenutzt zu haben, während sie ihnen eine beunruhigende Zukunft – ja sogar eine kaputte Gesellschaft hinterlassen haben. Dabei denkt man an Fridays for Future von 2019 mit Greta Thunberg oder an die Bewegung der 'Empörten' gegen die [spanische] Sparpolitik 2011. Aber der große historische Bezugspunkt ist der Mai 1968. ... Was aktuell geschieht, erinnert vielleicht ein wenig an diesen berühmten Frühling, auch wenn es eine andere Zeit war und fast 60 Jahre zurückliegt.“
Eine Steilvorlage für Portugals Linke
Nach der Räumung von Protestcamps in Porto und Lissabon durch die Polizei urteilt Expresso:
„Die Polizeigewalt hat eine ganze Linke aufgerüttelt, die zuvor orientierungslos, demotiviert und niedergeschlagen war und nun endlich wieder ein volksnahes Banner gefunden hat, mit dem sich viele identifizieren können. Jahrelang verschwendete sie ihre Zeit mit Kultur- und Identitätskämpfen, die zwar Minderheiten mobilisierten, aber einen sehr wichtigen Teil der Wählerschaft aus der breiten Bevölkerung abschreckten. Das Thema Wohnen ist genau das Gegenteil. Es ist eine wirtschaftliche, soziale und generationsübergreifende Frage, die alle Klassen und Wählergruppen betrifft. … Die Polizeigewalt und die Überheblichkeit der Regierung haben die Straßen gefüllt.“