Lockdown als Chance für ein besseres Klima?

Weltweit leiden Menschen unter dem Coronavirus und den damit verbundenen Beschränkungen. Für das Klima dagegen ist der Lockdown positiv: So ist die Stickoxidbelastung in südeuropäischen Großstädten wie Madrid oder Mailand um rund die Hälfte zurückgegangen – der Unterschied ist selbst aus dem All sichtbar. Kommentatoren diskutieren, ob die Pandemie nachhaltig positive Auswirkungen auf die Umwelt hat.

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Handelsblatt (DE) /

Die Krise kann die Verkehrswende bringen

Jetzt müssen dauerhafte Lösungen für eine umweltfreundliche Mobilität her, fordert das Handelsblatt:

„So geht es nicht nur darum, für die nächsten Monate eine pandemietaugliche Mobilität zu entwickeln, sich also zu überlegen, wie sich die Menschen möglichst ansteckungsfrei bewegen können, solange es noch keinen Impfstoff oder Medikamente gegen das Virus gibt. Die Überlegungen müssen weit darüber hinausgehen. Wie wollen Menschen in Zukunft leben? Wie wollen sie sich künftig bevorzugt bewegen? ... [D]ie Coronakrise [kann] eine Chance sein, über Fragen nachzudenken, die bislang gern ausgeklammert werden. Verkehrswende bedeutet mehr als kleine Verbesserungen bei Bus und Bahn, einige zusätzliche Radspuren, die dauerzugeparkt sind, und der Umstieg von Verbrennern auf Elektrofahrzeuge.“

NRC Handelsblad (NL) /

Klimaschutz muss weitergehen

Die niederländische Regierung hat angekündigt, zuvor geplante Klimaschutz-Maßnahmen trotz der Corona-Krise einzuführen. Dazu war sie unter anderem von einem höchstrichterlichen Urteil gezwungen worden. NRC Handelsblad lobt, dass nun keine Entweder-Oder-Politik gemacht wird:

„Es ist ein gutes Signal, dass auch in außergewöhnlichen Krisenzeiten der Rechtsstaat respektiert und Urteile vollstreckt werden. ... Ein Nebeneffekt der Corona-Krise ist, dass die vorgeschriebenen Ausstoß-Werte als Folge des drastischen Rückgangs der wirtschaftlichen Aktivitäten ohnehin schnell erreicht werden. Aber es geht selbstverständlich auch um strukturelle Maßnahmen wie die Einschränkung des Ausstoßes von Kohlekraftwerken. Dies kann nun sorgfältig mit Blick auf mögliche schädliche wirtschaftliche Folgen vorbereitet werden.“

La Stampa (IT) /

Sharing Economy wird zusammenbrechen

Das Modell des Teilens wird zu den Opfern der Krise gehören, gibt Soziologe Massimiliano Panarari in La Stampa zu bedenken:

„In der neuen Weltordnung, die man nun erahnen kann, gibt es einige prädestinierte Opfer. Eines davon ist die Sharing Economy, denn in einer Gesellschaft, in der das Regime der sozialen Distanzierung in Kraft getreten ist, wird das Teilen von Gütern und Dienstleistungen äußerst problematisch. Erstens wegen der gesetzlichen Regulierungen und Hygienevorschriften. Zweitens wegen der Nebenwirkung, die bereits von Psychologen angeprangert wird: Mit der Angst vor der Ansteckung breiten sich Misstrauen und Argwohn wie Viren aus. Daher wird es sicherlich nicht mehr die gleiche Anzahl von Personen geben, die sich ein Auto teilen oder die Wohnung einer fremden Person benutzen möchten.“

Mediapart (FR) /

Umweltschutz nicht Aktionärsinteressen unterordnen

Frankreichs Regierung will der Fluggesellschaft Air France mit Krediten von sieben Milliarden Euro durch die Krise helfen. Obwohl damit Umweltauflagen verbunden sind, geht das für Mediapart in die völlig falsche Richtung:

„Will man in Zukunft eine Welt, in der der Flugverkehr so massiv ist wie in der Vergangenheit, obwohl dessen enorme Zunahme über die letzten drei Jahrzehnte katastrophale Folgen für die Umwelt verursacht hat? Oder will man eine geordnete Reduzierung, etwa zugunsten kürzerer Handelswege beim Warentransport? … Durch diese kolossale Finanzhilfe, die größte, die bislang für ein Unternehmen in Betracht gezogen wurde, beendet die Regierung die Debatte noch bevor sie richtig in Gang kommt. Und sie tut dies auf die schlimmste Weise: indem sie langfristige strategische Fragen beiseite schiebt, nur um das kurzfristige finanzielle Interesse der Aktionäre zu berücksichtigen.“

The Times (GB) /

Anreize verstärken

Jetzt muss ein klimafreundlicher wirtschaftlicher Neustart kommen, meint The Times:

„Wenn es zu einer Lockerung des Lockdowns kommt, wird die britische Regierung Konsumanreize schaffen, indem sie ein Wachstum des Haushaltsdefizits zulässt. Sie sollte die Gelegenheit wahrnehmen, Steuergutschriften für erneuerbare Energien sowie Elektrofahrzeuge einzuführen und in kohlenstoffarme Infrastruktur und Gebäudedämmung zu investieren. In Unternehmen hat die Corona-Krise eine Änderung der Arbeitsgewohnheiten erzwungen. Anstatt in Büros zu pendeln, mussten die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten und über virtuelle Konferenzen mit ihren Kollegen sprechen. Diese Entwicklungen werden wohl dauerhaft bestehen bleiben. Sie reduzieren den Kraftstoffverbrauch, wenn die Normalität zurückkehrt.“

Le Temps (CH) /

Rückkehr zur zerstörerischen Vor-Corona-Wirtschaft

In der Schweiz dürfen ab dem heutigen Montag Arztpraxen, Bau- und Gartenmärkte sowie Friseursalons wieder öffnen. Der Staat gefährdet Bürger und Umwelt aufs Neue, klagt eine Gruppe von Künstlern in einem von Le Temps veröffentlichten Appell an die Regierung:

„Zu wissen, dass wir nicht mehr darauf zählen können, dass Sie auf unsere Leben, die unserer Senioren und Kinder aufpassen, betrübt und beängstigt uns. … Es erfolgt eine Rückkehr zu einem Wirtschaftsmodell, das unsere Umwelt zerstört, uns krank macht und kontinuierlich daran arbeitet, überall auf unserem Planeten Leben auszulöschen. … Wir bitten Sie darum, hochverehrte Mitglieder des Bundesrats, uns weiter Beistand zu leisten. Wir brauchen Sie. Wir brauchen Ihre Mediziner und Wissenschaftler. Wir brauchen Ihr Verantwortungsbewusstsein und Ihr Mitgefühl.“