Ein Jahr Corona in Europa: eine Bilanz

Ende Januar 2020 meldete Frankreich den ersten Corona-Fall Europas. Am 23. Februar gingen große Teile Norditaliens in einen Lockdown. Ein Jahr später ziehen Kommentatoren Bilanz - einige ernüchtert, andere leicht hoffnungsvoll.

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Corriere della Sera (IT) /

Ungleichheit wird weiter zunehmen

Die wirtschaftliche Erholung wird nicht zu mehr Gerechtigkeit führen, beklagt der Politologe Ian Bremmer in Corriere della Sera:

„Einige Länder - und einige soziale Gruppen innerhalb dieser Länder - sind besser für die Zukunft gerüstet als andere. Und genau darin liegt das Problem. ... Ein uneinheitlicher Verlauf der wirtschaftlichen Erholung wird zu noch größeren Ungleichheiten innerhalb dieser Länder führen. So hat das Virus in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften die Einkommen von Geringverdienern und Dienstleistungsarbeitern unverhältnismäßig stark getroffen. Die schlimmsten Folgen des wirtschaftlichen Rückgangs haben vor allem Frauen und die nicht-weiße Bevölkerung zu spüren bekommen.“

Phileleftheros (CY) /

Eine neue Welt ist bereits da

Unser Leben hat sich schon jetzt irreversibel verändert, analysiert Kolumnistin Xenia Tourki in Phileleftheros:

„Ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie ist klar, dass viele Dinge anders sind. Das Problem ist, was von diesen Dingen bestehen bleiben wird, wenn wir die Pandemie hinter uns lassen. Werden wir uns zum Beispiel weiterhin distanzieren und bei unseren sozialen Interaktionen vorsichtig sein? Werden Homeoffice und Fernunterricht an Boden gewinnen oder werden die Älteren in die Büros und die Jüngeren in ihre Klassenzimmer zurückkehren? Es wäre naiv zu glauben, dass Dinge über Nacht wieder so werden, wie sie vorher waren. Nicht zuletzt beschleunigte die Pandemie Trends, die bereits Gestalt annahmen, und zwang Regierungen, Unternehmen und jeden von uns, in einem anderen Kontext als in der Vergangenheit zu agieren.“

De Standaard (BE) /

Mit gestutzten Flügeln

Der in Italien wohnende Schriftsteller Ilja Leonhard Pfeijffer erinnert in De Standaard wehmütig an die abhandengekommenen Freuden des Lebens:

„Das Leben ist auf das Überleben reduziert. Aber ohne Verzierungen lebt es sich beschissen. ... Was wirklich wertvoll ist, ist unhygienisch. Singen in einem vollen Theater, tanzen in den drückenden Gewölben eines vollen Clubs, Unbekannte küssen, flanieren mit einer lachenden Frau im Arm, sich verschwören mit Freunden in der Kneipe, unsichtbar heulen in einem ausverkauften Kino, von einem Theaterstück ergriffen sein und danach nicht aufhören können, im vor Begeisterung bebenden Foyer darüber zu reden - das sind die Dinge, die dem Überleben Sinn geben müssten. Unsere Flügel mussten erst gestutzt werden, ehe wir einsahen, wie gerne wir flogen.“

Die Presse (AT) /

Augenscheinliche Niederlage

Die Politik ist nie aus dem reinen Reagieren herausgekommen, stellt Die Presse fest:

„Noch nie haben Politiker der Nachkriegsgenerationen so weitreichende Entscheidungen zu treffen gehabt. Bis auf Schweden haben weltweit die Regierungen ähnliche Strategien mit den sogenannten Lockdowns ... gewählt, echte Alternativen zu diesem Weg wagte letztlich keiner. ... Dieses scheinbare Fehlen von Alternativen und die augenscheinliche Niederlage für das gesellschaftliche Funktionieren von Eigenverantwortung und Vernunft sind die schmerzlichen Lehren nach einem Jahr. Aber es kommt ein zweites Jahr und möglicherweise ein drittes ... . Das ist der vielleicht wichtigste Kritikpunkt: Im reaktiven Entscheiden auf steigende oder sinkende Infektionszahlen ging die langfristige Perspektive unter.“

Jornal de Notícias (PT) /

Keine Antwort auf den Kollaps

Portugal steht planlos vor den Auswirkungen der letzten zwölf Monate, konstatiert Jornal de Notícias:

„Inmitten der dritten Pandemie-Welle bleibt das Gesundheitsmanagement der Regierung unberechenbar, und es lässt sich immer noch kein ernsthafter Wirtschaftsplan erkennen, um auf den Kollaps von Sektoren zu reagieren, die für unser Überleben von grundlegender Bedeutung sind. ... Vom Tourismus bis zum Export von Textilien, Schuhen oder Wein. ... Schauen wir uns den Tourismus an, ein Sektor, der unsere Wirtschaft in den letzten fünf Jahren angekurbelt hat und der weiterhin eine grundlegende Bedeutung für das BIP hat. Seine Rettung ist völlig ungewiss. ... An der Algarve haben die Beschäftigten fast keine Unterstützung und einige sind gezwungen, um Nahrung zu betteln, um zu überleben.“

Eesti Päevaleht (EE) /

Noch immer mangelhafte Testmöglichkeiten

Eesti Päevaleht beklagt, dass in Estland nach wie vor flächendeckend Testzentren fehlen:

„Besonders krasses Beispiel: die Stadt Maardu in der Nähe von Tallinn, die nun die Corona-Hauptstadt von Estland ist. Die einzige Teststelle liegt 10 Kilometer außerhalb, das heißt, viele, die kein Auto haben, müssen mit dem Bus zum Testen fahren. Kein Wunder, dass sich die Ansteckung verbreitet. ... Ein Jahr nach Beginn der Pandemie und mitten in der zweiten Welle ist es doch nicht zu viel verlangt, dass Kleinstädte oder Stadtteile mit besonders vielen Infizierten vorübergehende Teststellen bekommen, wo alle mit Corona-Verdacht getestet werden können, ohne mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Solche Flexibilität sollte ein selbstverständlicher Teil der Corona-Politik sein.“

Politiken (DK) /

Asiens Wildtiermärkte endlich dicht machen

Auch wenn eine WHO-Untersuchung den Verdacht nicht bestätigt hat, dass ein Tiermarkt in Wuhan am Ursprung des Coronavirus stand, fordert Politiken, Märkte wie diese nun endlich zu verbieten:

„Covid-19 hat Millionen Menschenleben gekostet und die Welt in die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Eine Wiederholung können wir uns nicht leisten. Falls es zuvor Zweifel gegeben hat, so ist doch jetzt eindeutig klar, dass die Tiermärkte in Asien eine Zeitbombe sind. Die offenen Märkte, wo exotische Tiere verkauft und geschlachtet werden, sind nämlich nicht nur pittoresk, sondern lebensgefährlich. Dass Tiere, die in der Natur kaum Kontakt haben, in dieser extremen Dichte zusammenkommen, gibt bösartigen Krankheiten die idealen Voraussetzungen, um von einer Art zur anderen zu springen.“