Wie weiter in Afghanistan?

In Afghanistan haben die Taliban parallel zum laufenden Abzug der US- und Nato-Truppen ihre Macht wieder ausgebaut und seit Anfang Mai mehr als 160 der 400 Bezirke des Landes neu erobert. Dabei wurden laut UN allein im Mai und Juni 2.392 Zivilisten verwundet oder getötet. Kommentatoren diskutieren, welche Rolle die Taliban und andere politische Kräfte für die Zukunft der Region spielen werden.

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Radio Kommersant FM (RU) /

Lieber jetzt mit den Taliban reden als später

In Russland sind die Taliban einerseits eine verbotene Organisation, andererseits empfangen russische Diplomaten deren Delegationen zu Gesprächen. Radio Kommersant FM hat Verständnis für die Moskauer Logik:

„Sie beruht auf den harten geopolitischen Realitäten. Die Taliban werden nirgendwohin verschwinden, sie stehen schon an den Grenzen der ex-sowjetischen Republiken Zentralasiens und werden in Zukunft ihre Positionen nur stärken. Früher oder später muss man sich mit ihnen so oder so verständigen. Und wenn es so ist, besser jetzt, um einen Vorsprung herauszuspielen, so dass man in ihren Augen noch als eine Art 'guter Cop' erscheinen kann und als potentieller Partner im Gegensatz zu westlichen 'Okkupanten' oder 'Kreuzzüglern'.“

Milliyet (TR) /

Echte Bedrohung für die Türkei

Milliyet warnt:

„Der Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul wird [möglicherweise] von türkischen Streitkräften bewacht werden. Wegen dieser kritischen Aufgabe und der sich beschleunigenden Migration aus Afghanistan stehen die Taliban an erster Stelle auf der türkischen Agenda. Wenn Afghanistan erneut zum Epizentrum des internationalen Dschihadismus werden sollte, könnte diese Kombination für die Türkei zu einer noch ernsteren Bedrohung werden. ... Zwar scheint es für die aus Syrien und dem Irak vertriebenen IS-Kämpfer nicht mehr möglich zu sein, in Afghanistan Zuflucht zu suchen. ... Das ist ein Plus. Aber für al-Qaida, deren Flügel erheblich gestutzt sind, sieht es anders aus. “

Satori (LV) /

Ignoranz ist keine Lösung

Der Westen wird auch nach dem Ende des Afghanistan-Einsatz nicht darum herumkommen, global Präsenz zu zeigen, meint das Onlineportal Satori:

„Die Terrorgefahr wird weder abnehmen noch zunehmen. Die Region wird auch weiterhin maßgeblich zu den Einwanderungsströmen beitragen. Denn es ist egal, ob die Menschen, die auf der Suche nach ihrem Glück ins Ausland gehen, es aus Angst vor islamischen Radikalen oder privaten Hoffnungslosigkeitsgefühlen tun. ... Daraus sollte man nicht den Schluss ziehen, dass die Erfahrungen der westlichen Missionen zeigen, daß der Westen die Geschehnisse in anderen Teilen der Welt völlig ignorieren soll. Der Westen wird auch weiter alle Hände voll zu tun haben, um einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz und dem Pandemieproblem zu leisten.“

Neue Zürcher Zeitung (CH) /

Rechtzeitig regionale Partnerschaften reaktivieren

Der russische Ökonom Wladislaw Inosemzew warnt den Westen in einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung:

„Der Abzug der USA und der weiteren Nato-Staaten aus Afghanistan wird eine klaffende Lücke in die regionale Sicherheitsstruktur reissen. Umso wichtiger ist es, dass der Westen nun direkt mit den regionalen Mächten zusammenarbeitet. Es wird dies der Region helfen, sich vom Status als 'Russlands Hinterhof' zu befreien. Angesichts der sich anbahnenden Kooperation Russlands mit den Taliban und der geopolitischen Rivalität Moskaus mit Washington wäre es für den Westen ratsam, vielfältige Beziehungen zu regionalen Partnern wie Kasachstan zu pflegen. Wenn erst einmal eine Sicherheitslücke im Herzen Eurasiens entstanden ist, wird es kein Leichtes sein, sie wieder zu schliessen.“

Yeni Şafak (TR) /

Taliban wollen nur ihr Land befreien

Der türkische Präsident Erdoğan hat erklärt, die Türkei könne leichter mit den Taliban verhandeln, da sie keine Probleme mit deren religiösen Ansichten habe. Die islamisch-konservative Yeni Şafak pflichtet ihm bei:

„Der Glaube ist derselbe, aber die Praxis ist anders, und durch diesen Unterschied haben wir auf keinen Fall das Privileg, uns stets über die Taliban zu stellen. ... Tatsächlich bildeten die Taliban zum Zeitpunkt der US-Invasion eine Regierung, die das Land seit sieben Jahren führte. Mit der Besatzung ging sie zum Widerstand über. ... Ihre einzige Mission ist es, das eigene Land vor der Besatzung zu retten, und es scheint, dass sie in dieser Hinsicht erfolgreich war. ... Basierend auf welcher gerechten und vernünftigen Begründung könnte die Türkei also die Taliban als Terroristen behandeln?“

Yeni Şafak (TR) /

Taliban sind nicht das einzige Problem

Afghanistan ist geoökonomisch zu interessant, als dass die Großmächte der Welt es je in Ruhe lassen würden, kommentiert Yeni Şafak:

„Afghanistan ist ein Land, das sehr reich an Bodenschätzen ist. Russland interessiert sich für die Erdgas-Reserven im Norden. China interessiert sich neben dem Lithium, das für Technologien der neuen Generation und in der Automobilindustrie zum Einsatz kommt, für Uran, Gold und Eisen. Angefangen bei Deutschland haben auch europäische Länder es auf die Lithium-Vorräte abgesehen. ... Der Kapitalismus lauert stets im Hinterhalt, um seine bestialischen Greifarme selbst auf den unberührtesten Flecken dieser Erde auszubreiten.“

Politiken (DK) /

Helferstaaten der Islamisten stoppen

Die Taliban werden von Pakistan unterstützt, stellt Politiken fest und zieht Parallelen zum Libanon, der ebenfalls in Gewalt zu versinken droht:

„Deshalb muss die internationale Staatengemeinschaft Druck auf Regierungen ausüben, die darauf spekulieren, Staaten zu zersplittern oder dort Parallelgesellschaften zu fördern. Es muss massiver Druck auf Pakistan ausgeübt werden, damit es die Lieferung von Waffen und Drogen zu den Taliban in Afghanistan unterbindet. Der Iran muss auf die gleiche Weise massiv unter Druck gesetzt werden, um die Lieferung von Waffen und Geld an die Hisbollah im Libanon und entsprechende Milizen gegen die Regierungen in Beirut und Bagdad zu unterbinden.“

Nowaja Gaseta (RU) /

Prinzip der unpolitischen Armee rächt sich

Der Afghanistan-Experte Wassili Krawzow erklärt in Nowaja Gaseta, warum Soldaten der afghanischen Armee zu den Taliban überlaufen:

„Das ist das erwartbare Resultat des vom Pentagon beim Aufbau der Armee eingerichteten Systems. Sie haben alles wie zu Hause gemacht, da sie ihr System für das effektivste halten. Man baute auf Kontrakte ohne jede Berücksichtigung von Staats- und Volksinteressen. ... Afghanen wurden so zu Söldnern im eigenen Land gemacht. Das ist heikel. Zweitens wurden in der afghanischen Armee keinerlei politische Organe geschaffen. Man hat das Prinzip der 'Armee jenseits von Politik und Ideologie' umgesetzt. Politische oder ideologische Arbeit wurde in der Truppe keine gemacht.“

Gordonua.com (UA) /

Jedes Land kann nur auf sich selbst zählen

Eine Lehre aus dem Rückzug der USA ist, dass sich kein Land zu sehr auf Bündnispartner verlassen sollte, meint Ilyja Kusa vom Ukrainian Institute for the Future in gordonua.com:

„Auch wenn Sie einen zuverlässigen und starken Partner haben, der bereit ist, Hilfe zu leisten, ist dies kein Ersatz für Ihre eigenen Kräfte. ... Sobald sich ein Staat entspannt und passiv Wunder aus dem Ausland erwartet, immer mehr von unentgeltlichen Hilfen oder von Krediten lebt, ohne selbst etwas Solides aufzubauen, wird er zu einem Koffer ohne Griff, den man bei der ersten günstigen Gelegenheit loswerden will. So war es mit Afghanistan.“

El País (ES) /

Stille Katastrophe für die EU

Der Truppenabzug aus Afghanistan zeigt auch, wie weit die Europäische Union noch von einer eigenen militärischen Strategie entfernt ist, erkennt El País:

„Während er für die USA die jüngste Niederlage in ihrem jüngsten imperialen Krieg darstellt, ist er für die Europäer eine stille Katastrophe. Alles, was sie dort investiert haben, vor allem in Menschenleben, hat gerade mal der transatlantischen Solidarität Genüge geleistet, aber kaum dem Kampf gegen den Terrorismus oder der Freiheit der Afghanen gedient. Ohne eigene Truppen vor Ort hat man es nicht einmal selbst in der Hand, den Fortbestand der Botschaften in Kabul zu sichern. Die geopolitische Berufung und die Sprache der Macht liegen für Brüssel noch völlig außer Reichweite.“

The Spectator (GB) /

Fehler der Vergangenheit vermeiden

Afghanistan droht eine ähnliche Destabilisierung wie dem Libanon nach dem Truppenabzug Israels im Mai 2000, warnt The Spectator:

„Ein Truppenabzug, den deine Feinde als Sieg auslegen können, ist gefährlich. ... Ein überstürzter Abzug aus Afghanistan könnte außerdem den Weg für einen Eingriff Russlands ebnen, so wie der Iran im Libanon intervenierte. Auch ist es wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, um den Zusammenbruch der afghanischen Armee zu verhindern und die Autonomie der Regierung zu erhalten. Libanons Regierung wurde durch die Stärkung der Hisbollah und des Irans geschwächt. Es sollte einen Plan für den Fall geben, dass sich die Taliban nicht an die Abmachungen halten. Israel hatte sich für eine Politik der Zurückhaltung entschieden, die fehlschlug.“

The Irish Times (IE) /

Warten auf das Unausweichliche

Auch die Irish Times zieht einen historischen Vergleich:

„Die Stadt [Kabul] ähnelt Saigon nach dem US-Abzug aus Vietnam, wo man nervös auf das Unausweichliche wartet: überrannt zu werden. Die Passbehörden der Regierung sind überfordert, humanitäre Organisationen ziehen ihre ausländischen Mitarbeiter ab, Unternehmer gehen und diejenigen, die mit den USA zusammengearbeitet haben, warten angespannt auf die Nachricht, dass sie das Land mit verlassen dürfen. ... Die durch die Anwesenheit der Amerikaner vorgetäuschte Illusion von Sicherheit hat eine erbärmlich schwache Regierung und eine konventionelle Armee hinterlassen, die kaum in der Lage ist, den beweglicheren Taliban entgegenzutreten.“

Radio Kommersant FM (RU) /

Schlechte Aussichten für Zentralasien und Russland

Für den benachbarten postsowjetischen Raum sieht Radio Kommersant FM ebenfalls nur Negativszenarien:

„Die Taliban könnten selbst nach Mittelasien expandieren, sie könnten auch nur ihre Gegner vom 'Islamischen Staat' dorthin abdrängen. Zehntausende afghanischer Tadschiken und Usbeken könnten vor den neuen Landesherren nach Tadschikistan und Usbekistan fliehen, was unweigerlich die sozialen und politischen Spannungen in diesen Ländern erhöht, die schon so genug Probleme haben. ... Moskau kann die weltlichen Regime in Duschanbe, Taschkent, Aschgabat und Bischkek nicht ihrem Schicksal überlassen. Eine Radikalisierung der Bevölkerung Zentralasiens ist ein Katastrophenszenario für Russland, denn Millionen von dort stammende Menschen arbeiten in unserem Land.“

De Standaard (BE) /

Jetzt haben Xi und Co. freie Bahn

China hat Afghanistan nach Medienberichten große Investitionen in Infrastruktur angeboten. Peking wird das durch den Truppenabzug entstehende Vakuum ausnutzen, fürchtet De Standaard:

„Machiavellistische Berechnung ist Peking dabei nicht fremd. Während die kommunistische Partei mit islamistischen afghanischen Rebellen Geschäfte macht, unterdrückt sie die eigene aufständische Muslim-Bevölkerung in Xinjiang. Joe Biden hat beschlossen, die amerikanischen Truppen aus Afghanistan zurückzuziehen, um alle Energie auf den 'strategischen Rivalen' China zu richten. Die paradoxe Folge dieser Entscheidung ist, dass Afghanistan jetzt offen daliegt für China, das seinen Einfluss ausweiten kann.“