Ziehen die G7 wieder an einem Strang?

Die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten haben härtere Sanktionen gegen Russland und weitere Waffenlieferungen an die Ukraine beschlossen. Gastgeber Macron bezeichnete den Gipfel in Évian als "Moment des strategischen Erwachens", nachdem Trump im vergangenen Jahr noch frühzeitig abgereist war und damit gemeinsame Beschlüsse verhinderte. Doch einige Kommentatoren halten die Einigkeit für trügerisch.

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Neue Zürcher Zeitung (CH) /

Befremdliche Golfplatz-Diplomatie

Für den US-Präsidenten unbequeme Themen wurden ausgeklammert, stellt die Neue Zürcher Zeitung fest:

„Stattdessen vermittelte der Gipfel den Eindruck, als verfolge er vor allem ein Ziel: den mächtigsten Mann der Welt bei der Stange zu halten. Was liess sich Macron nicht alles einfallen, damit Trump nicht vorzeitig abreiste; von einer Einladung ins prachtvolle Versailles über die ständige Verfügbarkeit eines Golfplatzes bis hin zu einem Programm, das den Stargast weder verärgern noch langweilen sollte. Man kann das aus Sicht der Diplomatie schon nachvollziehen. Nach der Annäherung zwischen Washington und Teheran und Trumps Ankündigung, sich stärker für die Ukraine einzusetzen, wollten die übrigen Staats- und Regierungschefs die neue Gesprächsbereitschaft des amerikanischen Präsidenten nicht gefährden.“

El País (ES) /

Mehr kann man von diesem Format nicht erwarten

El País findet, es ging nicht allzu schlecht aus:

„Seit Trump im Januar 2025 ins Weiße Haus zurückgekehrt ist, versuchen die Partner, den Schaden zu begrenzen, und in Évian ist das immerhin besser gelungen als bisher. ... Für Europa ist der wahre Fortschritt in Évian das Bekenntnis zur Ukraine sowie die Unterstützung Washingtons, die Sanktionen gegen den russischen Energiesektor zu verschärfen, im entscheidenden Moment eines Konflikts, der schon länger als der Erste Weltkrieg dauert. Man kann von der G7, einer multilateralen Institution, die in den 1970er Jahren gegründet wurde und deren Einfluss abnimmt, ein halbes Jahrhundert später mit Trump am Tisch kaum mehr erwarten. Es ist nicht wenig. Aber auch nicht genug. Willfährigkeit und Beschwichtigung können keine Strategie sein.“

Les Echos (FR) /

Ziemlich gut gelaufen

Positiv überrascht ist Les Echos:

„Die gute Nachricht ist, und das ist ein persönlicher Erfolg Emmanuel Macrons, dass die USA bereit zu sein scheinen, sich erneut an der Seite von Wolodymyr Selenskyj zu engagieren, einschließlich Waffenlieferungen an die Ukraine und einer Wiederaufnahme der Sanktionen gegen Moskau. Donald Trump sagt sich vielleicht, dass der ukrainische Kriegsherr zur 'Gewinner-Seite' gehört. ... Auch bei reinen Wirtschaftsthemen ist die Bilanz nicht null. Der US-Präsident hat eine Erklärung unterzeichnet, in der schwarz auf weiß steht, dass es in der Straße von Hormus keine Maut geben wird. Zudem startet eine konkrete Koordination, um die Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden und Dauermagneten bis 2030 von 80-90 Prozent auf 60 Prozent zu senken.“

La Stampa (IT) /

Neue Hoffnung in Sachen Ukraine

La Stampa zeigt sich optimistisch:

„Der G7-Gipfel in Évian hat zumindest auf dem Papier einen Erfolg erzielt: Donald Trump konnte im Ukraine-Konflikt wieder auf die Seite des Gipfels gezogen werden. Es war der amerikanische Präsident selbst, der seinen Verbündeten am zweiten Gipfeltag in dem Kurort am Genfer See Hoffnung machte: Die Vereinigten Staaten hätten sich bisher 'auf den Iran konzentriert', kommentierte der Tycoon. Gestärkt durch das mit Teheran erzielte Abkommen zur Beilegung der Nahostkrise wolle er sich nun auch dem Konflikt vor Europas Haustür zuwenden. … Der US-Präsident bezeichnete das persönliche Treffen mit seinem ukrainischen Amtskollegen als 'ergiebig'. Dieser schloss ein weiteres Treffen vor Ende des Gipfels nicht aus.“

Der Tagesspiegel (DE) /

Es gibt keinen bequemen Weg zum Frieden

Trumps Andeutung, dass er sich nach dem Iran wieder mehr um die Ukraine kümmern möchte, kann man auch als Gefahr sehen, schreibt Der Tagesspiegel:

„Er sucht den bequemen Weg durch Absprachen mit Putin - ohne Rücksicht auf die Folgen für die Ukraine und Europa. ... Einen verlässlichen Frieden wird es nur geben, wenn Europa versteht: Putin wird erst Zugeständnisse machen, wenn er mit einer militärischen Niederlage rechnen muss. Verträge mit Putin sind nichts wert; er hat bisher nahezu alle gebrochen. Eingehalten wird nur das, was Europa notfalls auch militärisch durchsetzen kann und will. Es gibt keinen bequemen Weg zum Frieden, der ist eine Illusion.“

Tages-Anzeiger (CH) /

Anpassung an Trumps infantiles Gehabe

Der Tages-Anzeiger kritisiert den unterwürfigen Umgang mit Trump:

„Trump hasst ja bekanntlich solche Gipfeltreffen: zu viele Leute, zu lange Gespräche, alles zu multilateral. Er muss also bei Laune gehalten werden, sonst reist er wieder ab - oder er reist gar nicht erst an. Die Franzosen haben deshalb unter anderem den Klimawandel aus dem Gipfelprogramm genommen: Den mag Trump nicht. Entwicklungshilfe mag er auch nicht, darum liess man auch die weg. Alle nehmen dieses infantile Gehabe des mächtigsten Mannes der Welt hin. Weil er eben der mächtigste Mann der Welt ist und sich auch so aufführt. Den soll man nicht brüskieren, dem widerspricht man nicht einmal, wenn er lügt.“

The Daily Telegraph (GB) /

Zeit für die Erweiterung zur G8

Als Institution ist die G7 in der Zeit stehen geblieben, befindet The Daily Telegraph:

„Sie ist nach wie vor ein kleiner Club liberaler Demokratien, die in den 1970er Jahren vielleicht noch zu den sieben bedeutendsten Mächten der Welt gehörten, diesen Anspruch heute jedoch nicht mehr erheben können. Immer wieder wurden Vorschläge gemacht, die Gruppe um Länder wie Australien, Südkorea, Spanien oder Indonesien zu erweitern. ... Es gibt jedoch ein Land, das einen berechtigteren Anspruch auf die Mitgliedschaft in einer erweiterten G8 hätte als alle oben genannten: Saudi-Arabien. Zwar schafft es das Land nur gerade so unter die 20 größten Volkswirtschaften der Welt, doch seine Bedeutung als Vermittler wiegt das bei weitem auf. Es ist eindeutig der Anführer der 'Mittelmächte' im Nahen Osten.“