1989: Der Herbst, der den Wandel brachte

Zuerst waren es Hunderte, dann Tausende, schließlich Zehntausende. Immer mehr DDR-Bürger gingen 1989 auf die Straße. Am 9. Oktober demonstrierten in Leipzig mindestens 70.000 Menschen. Anders als befürchtet schritten die Sicherheitskräfte nicht ein. Europas Presse erinnert an die friedliche Revolution, die einen Monat später in den Mauerfall mündete, und blickt kritisch auf die Welt von heute.

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Süddeutsche Zeitung (DE) /

Die eigentliche Revolution war im Oktober

Die Süddeutsche Zeitung findet es unverständlich, dass die Ereignisse, die dem Mauerfall vorausgingen, so wenig Aufmerksamkeit finden:

„Die Oktobertage 1989 waren entscheidend für den Sieg über ein 40 Jahre lang bestehendes Unterdrückungssystem. Die DDR-Führung gab keinen Feuerbefehl, die Angst hatte von den Demonstranten auf die Seite der Regierenden gewechselt. Nur deshalb konnten die DDR-Bürger einen Monat später die Mauer stürmen und auf ihr tanzen. Vor der Einheit kam die Freiheit. Sie war der Sieg eines ganzen, damals noch halbierten Landes. Die Berliner Mauer fiel am 9. November. Aber die Revolution war im Oktober. Gefeiert wird dies in Deutschland nicht. Man betrachtet lieber das Finale.“

The Evening Standard (GB) /

Die offene Gesellschaft ist den Kampf wert

Auch wenn die Demokratien nicht perfekt sind, lohnt es sich in jedem Fall, für sie zu einzutreten, meint The Evening Standard:

„Das Europa, in dem wir leben, tut sich schwer, seinem Anspruch gerecht zu werden. Doch bei dem, was Menschen damals auf den Straßen Osteuropas und heute in Hongkong riskierten und riskieren, geht es um die Überzeugung, dass offene Gesellschaften besser sind als solche, die sich durch Feindseligkeiten definieren. Derartige Bewegungen werden auch von dem Glauben angetrieben, dass Demokratien, obwohl ihre Entwicklung schwer vorherzusagen ist, der Lähmung geschlossener Gesellschaften vorzuziehen sind. Die Risiken, die die Fußsoldaten des Wandels vor 30 Jahren eingegangen sind, waren es wert. Trotz aller Rückschläge seitdem sind sie es noch immer.“

Latvijas Avize (LV) /

Moderne Mauern sind noch schwerer zu überwinden

30 Jahre nach dem Mauerfall werden die Grenzen in Europa und der Welt wieder befestigt werden, bedauert Latvijas avize:

„Wegen negativer Konnotationen spricht man aber nicht von Mauern, sondern von Wänden, Zäunen und Verteidigungssystemen. Dank moderner Überwachungstechnik sind diese Zäune noch schwerer zu überwinden als die Berliner Mauer. Ungarn öffnete 1989 als erstes sozialistisches Land seine Grenze zu Österreich. Heute hat das Land eine viel schwerer zu überwindende Barriere aufgebaut - an der Grenze zu Serbien. Andere Zäune existieren in Form von Stacheldraht: Israel - Palästinensische Gebiete, Bulgarien - Türkei, Baltische Länder - Russland, Abchasien - Georgien. Und nicht zu vergessen Trumps Grenzmauer zu Mexiko. ... Die bisherige Geschichte der Menschheit hat aber bewiesen, dass mechanische Schranken nur eine vorübergehende Lösung sind.“

La Vanguardia (ES) /

Wiedervereinigung bis heute nicht gelungen

Ost- und Westdeutschland sind noch immer getrennt, beobachtet La Vanguardia:

„Es gibt viele Gründe dafür, dass sich Ost und West getrennt fühlen. Die Ungleichheit ist enorm, wie eine Studie des Münchner Ifo-Instituts zeigt. Aus ihr geht hervor, dass der Lebensstandard in den ostdeutschen Bundesländern das Niveau der westdeutschen wenn überhaupt dann erst in Jahrzehnten erreichen wird. Viele Deutsche, vor allem im Osten, sind arm und leben doch in einer der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt. Das ist dramatisch und paradox. Jetzt ist auch noch das Gespenst der Rezession aufgetaucht. ... In drei Jahrzehnten hat es das Land nicht geschafft, die Ungleichheiten zu überwinden.“