Hitze in Europa: Hat die Politik versagt?
Mehrere Länder Europas erleben in dieser Woche die heißesten Juni-Tage seit Jahrzehnten, teilweise auch seit Beginn der Aufzeichnungen. In vielen Regionen gilt die höchste Hitze-Warnstufe. Der Chef des Weltklimarats IPCC, Jim Skea, erklärte: "Wir werden zwangsläufig mehr von dem erleben, was wir in den vergangenen Tagen gesehen haben." Die Presse sucht nach Verantwortlichen und Auswegen.
Auflehnen gegen Tatenlosigkeit
Wo bleibt der Protest angesichts der Klima-Ungerechtigkeit, wundert sich L'Humanité:
„Die Regierung weiß, dass ihre Untätigkeit zu noch mehr Dramen und Toten führen wird. Ihre Entscheidung ist verbrecherisch - genauso wie die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen einer Minderheit auf Kosten der planetaren Grenzen und der Mehrheit der Menschheit. ... Jetzt, wo das Land erstickt, scheint jeder die himmelschreiende Dummheit der Klimawandelleugner zu erkennen. Doch wo bleibt die Empörung? Es besteht die große Gefahr, dass das Thema nach dem Sommer von den Obsessionen der vom [rechtsnationalen Medienmogul] Bolloré beherrschten Medien verdrängt wird. Gerade in einer Zeit, in der die Linke verhöhnt und als zu schwach beurteilt wird, sind die antikapitalistischen Kräfte die Einzigen, die diesen existenziellen Kampf führen können.“
Klimaschutzverweigerung ist kriminell
Die Kandidaten der französischen Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 dürfen den Klimaschutz nicht außen vor lassen, mahnt L'Obs:
„Ihn zu bekämpfen und sich gleichzeitig an ihn anzupassen, erfordert schwierige Entscheidungen, Veränderungen unseres Lebensstils und eine gerechte Verteilung der Anstrengungen. Doch wegsehen ist keine Option mehr. Aufgeben auch nicht. ... Daran müssen wir uns im kommenden Jahr erinnern, gerade auch dann, wenn das Wetter angenehmer erscheint. Und all diejenigen Kandidaten der Präsidentschaftswahl 2027, die auf Fatalismus setzen oder sich weigern, den Klimaschutz zu einem Kernpunkt ihrer Programme zu machen, werden als das enttarnt werden, was sie sind: kriminelle Komplizen einer offensichtlichen Niederlage.“
Debatten stoppen die Gesetze der Physik nicht
Wir erleben die neue Normalität, beschreibt der Evolutionsbiologe Telmo Pievani in Corriere della Sera:
„Eine drückende und anhaltende Hitzewelle erschwert unser Leben. ... Der Dürre und der Hitze stehen heftige Gewitter und verheerende Hagelschauer gegenüber. … Müssen wir all dies als einen überraschenden Notfall betrachten, als eine unvermeidbare Katastrophe, als ein außergewöhnliches Ereignis? ... Leider nein. Was gerade geschieht, ist die neue Normalität, mit der wir in den kommenden Jahrzehnten zu jeder Jahreszeit leben müssen. ... Wir befinden uns inmitten eines großen Wandels, zu dem wir beigetragen haben und der nun eine ganz eigene Dynamik entwickelt hat, die wir nicht aufhalten können. Die Gesetze der Physik lassen sich von unseren Diskussionen nicht beeindrucken.“
Anpassung an noch heißere Sommer nötig
In Zukunft muss stärker auf die Auswirkungen des Klimawandels reagiert werden, fordert Iltalehti:
„In der europäischen Klimapolitik lag der Schwerpunkt bisher weitgehend auf der Reduzierung von Emissionen. Die Anpassung an das bereits veränderte Klima ist dabei möglicherweise etwas zu kurz gekommen. Dies wird nun zügig nachgeholt: So schreibt beispielsweise das im vergangenen Jahr in Finnland in Kraft getretene Baugesetz vor, dass beim Bauen auf geringe CO2-Emissionen geachtet werden muss, aber auch die sommerliche Wärmebelastung und das Hochwasserrisiko berücksichtigt werden müssen. … Große Infrastrukturinvestitionen werden oft auf einen Zeitraum von Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten angelegt. Neue Bahnstrecken, Kraftwerke und Stadtviertel werden ein noch heißeres Europa erleben. Von den Entscheidungsträgern wird Weitsicht gefordert.“
Klimaanlagen sind nicht die Lösung
Volkskrant-Kolumnist Jarl van der Ploeg warnt davor, Klimaanlagen als einziges Mittel gegen Hitzestress zu sehen:
„Lasst uns bitte nicht so tun, als böten diese Dinger einen Ausweg aus der systemischen Krise, für die diese Hitze ein Symptom ist. Es gibt nämlich genügend andere Lösungen. ... Pflanzt zum Beispiel doppelt so viele Bäume, baut zusätzliche Trinkbrunnen, weist jeden mit einem zugepflasterten Garten umgehend aus dem Land, gebt außerdem jedem Bildredakteur, der zu Nachrichtenartikeln über die extreme Hitze noch fröhliche Badefotos stellt, ordentlich einen auf den Deckel und wählt niemals, aber auch wirklich niemals, Klimaleugner.“
Kurz- und langfristig handeln
El País fordert:
„Langfristig ist der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen unerlässlich. ... Regierungen müssen dem Druck der Ölindustrie und der Golfmonarchien widerstehen, deren offenkundige wirtschaftliche Interessen den Klimaschutz missachten. ... Künstliche Intelligenz verbraucht so viel Energie und Wasser, dass sie gegen den Strom der Geschichte schwimmt. ... Regierungen und Verbraucher müssen diese Großkonzerne zum Umstieg auf saubere Energie drängen. ... Kurzfristig müssen Regierungen die Auswirkungen der globalen Erwärmung abmildern, die selbst bei einem sofortigen Stopp der CO2-Emissionen noch Jahrzehnte weiter steigen wird.“
Noch größeres Leid in Asien und Afrika
Österreich erwartet die große Hitze am Wochenende. Der Kurier verweist darauf, dass andere Weltregionen viel stärker betroffen sind:
„Uns muss leider auch bewusst werden, dass das, was Österreich gerade erlebt, im globalen Maßstab nur Mittelmaß ist. In Teilen Pakistans und Indiens, oder in Westafrika werden Temperaturen samt hoher Luftfeuchtigkeit prognostiziert, bei denen der menschliche Körper sich selbst durch Schwitzen nicht mehr kühlen kann – die lebensbedrohliche Wet-Bulb-Grenze. Was noch die Ausnahme ist, wird bis Mitte des Jahrhunderts für Hunderte Millionen zum Alltag. Vielleicht steigt auch bei uns langsam das Mitgefühl für die Ärmsten der Erde, die die Klimakrise nicht verursacht haben, aber am heftigsten darunter leiden.“
Wir brauchen beides: Klimaanlagen und Bäume
Städte müssen besser eingerichtet werden für die Folgen des Klimawandels, fordert De Standaard:
„Leider ist das Entweder-Oder meist der Treibstoff der öffentlichen Debatte. Der Scheinkontrast, mit dem in diesen Tagen extremer Hitze die Polarisierung verschärft wird, ist der zwischen Bäumen und Klimaanlagen. In Frankreich tobt die Diskussion auf Hochtouren. Die radikale Rechte will das ganze Land mit Klimaanlagen ausstatten, die radikale Linke will mit Erde, Holz und Stroh bauen. … Wir brauchen natürlich sowohl viel mehr Bäume als auch mehr Kühlung, um Häuser, Schulen und Seniorenheime bewohnbar zu halten.“
Sind Profite wichtiger als Überleben?
Europas Eliten pfeifen auf Klimaschutz, prangert Mediapart an:
„Die Priorität unserer Produktionsweise ist nicht der Kampf gegen das Umweltchaos und nicht einmal der gegen dessen Auswirkungen. ... Um sich davon zu überzeugen, genügt es, sich daran zu erinnern, dass im selben Moment, in dem sich Europa in einen unerträglichen Schwitzkasten verwandelt, die Priorität auf der Entwicklung von KI liegt, diesem ökologischen Ungeheuer. Die Technologie-Lobby hat vor einer Woche von der EU gefordert, dass diese ihre Klimaziele abschwächt, um die Entwicklung von KI zu priorisieren. Seit Monaten bauen westliche Regierungen die bereits eingeführten schwachen Umweltschutzregeln zurück, um Profite zu fördern. Die strukturelle Krise des Kapitalismus verdrängt die Umweltkatastrophe in den Hintergrund.“
Prävention nicht vergessen
Noch bevor die Hitzewelle auch in Griechenland ankommt, reflektiert Ta Nea:
„Wer erinnert sich noch an die schätzungsweise 2.800 Menschen, die 2022 in Griechenland an den Folgen der Hitze starben, wodurch unser Land in Bezug auf die Sterblichkeitsrate pro Einwohner europaweit den zweiten Platz hinter Italien einnahm? Die Meteorologen werden uns natürlich rechtzeitig warnen. Die Regierung wird eine Einschränkung der Mobilität empfehlen, die Kommunen werden ihre klimatisierten Räume den Bedürftigen öffnen, Kulturveranstaltungen werden notfalls abgesagt. Wir sind zweifellos besser vorbereitet als früher, was den Umgang mit solchen Extremsituationen angeht. Aber lenkt die Konzentration auf das Krisenmanagement nicht von der Notwendigkeit der Prävention ab?“
Hysterie nervt
Die allgegenwärtigen Warnungen vor Hitze sind übertrieben, findet The Daily Telegraph:
„Es ist alles andere als gesund, jedes Mal in Hysterie zu verfallen, sobald das Thermometer die 30-Grad-Marke überschreitet. Die Gesundheitshinweise reichen von bevormundend – etwa die Durchsagen in der U-Bahn, die Fahrgäste auffordern eine Flasche Wasser dabei zu haben – bis hin zum Absurden. Als ob ein gesunder Erwachsener schon bei ein wenig Sonneneinstrahlung tot umfallen würde. Wenn Hitzewellen auftreten, erscheint es kaum tragbar, dass Schulen schließen und kein Zug mehr fährt, als könnten wir uns eine Neuauflage der Corona-Lockdowns leisten. … Stattdessen sollten wir Vernunft walten lassen und diesen kurzen britischen Sommer als das seltene Vergnügen genießen, das er ist.“
Anpassung statt Ruhemodus
Frankreichs Umgang mit der Hitze ist keine langfristige Lösung, mahnt L'Opinion:
„Frankreich reagiert, indem es sich freiwillig in eine Art Lockdown versetzt: Schulen werden geschlossen, mündliche Abiturprüfungen verschoben und Feierlichkeiten abgesagt. Kurz gesagt: Das Land zieht die Notbremse. ... Tatsächlich haben wir jedoch zwei Möglichkeiten. Die erste besteht darin, zu jammern, alles zu verschieben und das Land in den Ruhemodus zu versetzen, sobald das Thermometer über 35 Grad steigt. Die zweite verlangt anzuerkennen, dass diese Hitzewellen immer häufiger und intensiver wiederkommen werden und dass ein modernes Land nicht mehrere Wochen im Jahr stillstehen kann. Anpassung bedeutet nicht, den Kampf gegen den Klimawandel aufzugeben, sie ist dessen logische Konsequenz.“
Seen brauchen unsere Hilfe
Das Austrocknen von Ungarns Seen sollte als Alarmsignal gewertet werden, fordert Népszava:
„In der Klimakrise gelten unsere flachen Seen als schwächstes Glied in der Kette ..., doch sie sind ein Zeichen für die Probleme des gesamten Ökosystems. Das Austrocknen dieser empfindlichen Gewässer ist ein Hilferuf der Natur – auch wenn wir davon oft nur so viel bemerken, dass die Strände am Seeufer geschlossen sind. ... Man bräuchte eine gute Rettungsidee, aber nicht nur für die Seen: Ganze Ökosysteme warten auf sofortige Hilfe. Wiederauffüllung klingt gut, reicht aber nicht aus: Wir brauchen Wasserspeicherung, die Wiederbelebung und Vernetzung von Gewässersystemen und – vor allem – die Erkenntnis, dass nicht nur unsere Seen in Schwierigkeiten stecken.“
Finnland wird zum Paradies
Der Klimawandel macht das Leben im Norden attraktiver, glaubt Helsingin Sanomat:
„In vielen Teilen Europas wird das Wasser langsam knapp. Dürre und Hitze vernichten die Ernten. Die Hitze fordert zudem Todesopfer. … In einer solchen Welt entwickelt sich Finnland im Hinblick auf das Wetter zu einem Paradies. Es wurde bereits vom Wachstum des 'Coolcation-Tourismus' gesprochen, doch dieses Phänomen könnte sich auch bei der Wahl des ständigen Wohnsitzes bemerkbar machen. Im Urlaub kann man vor der Hitze noch ans Wasser flüchten, aber im normalen Alltag muss man sich draußen aufhalten und ausreichend schlafen können. Auch wenn der dunkle und lange Winter im Norden Durchhaltevermögen erfordert, könnte er bald wie ein Kinderspiel erscheinen im Vergleich zu monatelanger, gnadenloser Hitze.“